Bulgarien erwartet einen Supersommer

23. Juni 2017, 11:07
posten

Land hat sich als günstiges Ausweichziel für Türkei etabliert

Sofia/Slantschew Brjag – Attraktive Strände, ausgebuchte Hotels, lange Partys: Bulgariens Tourismus brummt. Urlauber fühlen sich sicher. Die Branche hofft auf eine Supersaison.

Rezeptionistin Anita hat alle Hände voll zu tun. Kaum hat eine englische Reisegruppe ins schicke Hotel an Bulgariens Schwarzmeerküste eingecheckt, schon kommt schon ein Bus mit neuen Feriengästen. "Das Hotel ist voll besetzt", freut sich Anita.

Im Badeort Slantschew Brjag – international als Sonnenstrand oder "Sunny Beach" bekannt – brummt der Tourismus schon im Juni. Wegen der Terrorgefahr in Reiseländern wie der Türkei oder Ägypten hat sich Bulgarien als Ausweichziel etabliert. Stammkunden schätzen das gute Preis-Leistungs-Verhältnis von All-Inclusive-Urlaub und die Strände mit feinem Sand.

Land gilt als sicher

"Die bulgarischen Urlaubsorte sind sichere und bevorzugte Reiseziele", bekräftigt Tourismusministerin Nikolina Angelkowa im Parlament in Sofia. Der regionale Polizeichef Schiwko Daskalow lobt die gute Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte mit den Hotels, damit mögliche Terrorakte vermieden werden. "Dazu gehört die Bewachung von Badestränden und Schulung von Hotelpersonal", sagt er der Deutschen Presse-Agentur in Slantschew Brjag. Hoteliers und Restaurantbesitzer, Eis- und Ticketverkäufer hoffen unisono auf einen Supersommer.

Angelkowa ist optimistisch gestimmt. Sie rechnet mit zehn Prozent mehr Touristen als im Rekordjahr 2016. Es war mit 8,2 Millionen Feriengästen aus dem Ausland das beste Jahr für den bulgarischen Tourismus seit der Wende 1989 gewesen. Gut zehn Prozent der Urlauber kamen im vergangenen Jahr aus Deutschland – um fast 33 Prozent mehr als 2015. Heuer sei allein die Zahl der Frühbuchungen aus der Bundesrepublik um 29 Prozent gestiegen.

Das Institut für Tourismus-Analysen in Sofia geht für 2017 von elf Prozent mehr Feriengästen als im Vorjahr aus. Die größten Konkurrenten Bulgariens sind seine Nachbarn Griechenland und Türkei.

Kilometerlange Sandstrände

Die bekanntesten Badeorte – Slantschew Brjag im Süden und Slatni Pjassazi (Goldstrand) im Norden – entstanden vor 60 Jahren entlang den längsten Sandstränden der Schwarzmeer-Küste. Von dem eintönigen, vom damaligen kommunistischen Staat gelenkten Fremdenverkehr gibt es heute keine Spur mehr.

Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft schossen überall neue Hotels aus dem Boden. Die alten Anlagen wurden privatisiert und gründlich renoviert. Dazu kamen neue Feriensiedlungen, Grünanlagen, Wasserparks und Discos. Jetzt ist der Kunde König, lautet das Credo nicht nur der energischen Rezeptionistin Anita.

Personalmangel

Der bulgarische Tourismus hat aber ein großes Problem – es herrscht Personalmangel. "Ich bin neu und weiß nichts", gibt eine Mitarbeiterin eines zentral gelegenen Reisebüros in Slantschew Brjag offen zu. Überall in den Badeorten gibt es Stellenangebote.

"Mitarbeiter gesucht", steht etwa auf einem Grillofen oder auf der Gartenmauer eines indischen Restaurants. Wegen der geringen Bezahlung in dem ärmsten EU-Land ziehen Rezeptionisten, Zimmermädchen, Köche, Kellner und Rettungsschwimmer seit Jahren etwa nach Griechenland, Italien oder Malta um, wo sie viel besser verdienen.

Die Engpässe sollen jetzt Tausende Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten wie etwa der Ukraine und Moldawien beseitigen. Die Regierung in Sofia lockerte zum 1. Juni die Regeln für die Einstellung dieser Kräfte, weil Tourismus ein wichtiger Faktor zur Entwicklung des Landes ist. Die Branche steuert rund 13 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Schattenwirtschaft

Die Einnahmen von Jänner bis November des Rekordjahres 2016 lagen offiziell bei 3,15 Mrd. Euro, 15 Prozent über dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Die realen Einnahmen dürften aber deutlich größer sein, weil die Schattenwirtschaft auch in diesem Sektor von der amtlichen Statistik nicht erfasst wird.

"Vor uns öffnet sich ein Geldschrank", beschreibt der für Tourismus zuständige Vize-Regierungschef Waleri Simeonow im Staatsfernsehen das große Potenzial von Bulgariens Fremdenverkehr. Ressortministerin Angelkowa sieht neue, ehrgeizige Ziele für die Zukunft: Mit seinem reichen Kulturerbe und guten Wein solle Bulgarien zum Ganzjahresreiseziel auch für Gäste mit gehobenen Ansprüchen werden. (dpa/Elena Lalowa, 23.6.2017)

Share if you care.