Letzte Rettung: Wenn die Zwangsräumung droht

24. Juni 2017, 11:00
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Wer mit der Miete in Verzug gerät, wird delogiert – das gilt auch für Gemeindewohnungen. Ein neues Projekt soll den zwangsweisen Auszug nun abwenden

Ein Gemeindebau, Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr in Simmering: Bernhard Rubik steht vor dem schlichten Bau und klingelt. Doch niemand macht auf. Auch direkt vor der Wohnungstür hat er es schon versucht, erfolglos. Hier wohnt ein Mann, der schon seit Monaten keine Miete mehr bezahlt hat. Sein Delogierungstermin steht bereits fest. Rubik ist Sozialarbeiter bei Wiener Wohnen, er soll helfen, die bevorstehende Zwangsräumung abzuwenden.

Seit Februar gibt es bei Wiener Wohnen ein eigenes Team zur "Sozialen Wohnungssicherung". Derzeit besteht es aus vier Mitarbeitern, ab dem Sommer aus sieben – sie erhalten alle zwei Wochen eine Liste jener Mieter der Stadt Wien, die so viele Mietrückstände aufgebaut und Mahnungen sowie Anrufe ignoriert haben, dass vor Gericht eine Klage eingereicht und ein Urteil zur Zwangsräumung ausgestellt wurde. Sechs bis acht Wochen sind es ab diesem Tag meist noch bis zu Delogierung. "Innerhalb von fünf Tagen nehmen wir den ersten Kontakt zu den Mietern auf", erklärt Rubik – per Telefon und persönlich.

Angekündigter Hausbesuch

Auch den Mieter der Gemeindewohnung in Simmering hat Rubik schon zu kontaktieren versucht. Per Telefon zuerst – doch die Nummer war nicht mehr vergeben -, dann vor Ort. Vor einer Woche bereits hat er einen Brief an die Tür geklebt. "Darin steht, wann ich das nächste Mal vorbeikomme, meine Handynummer und dass der Termin – sollte der Mieter ihn nicht einhalten können – verschoben werden kann." Heute ist der Brief weg. Ein Zeichen dafür, dass hier noch jemand wohnt, der Mieter den Sozialarbeiter aber nicht empfangen will? "Nicht unbedingt", sagt Rubik. "Manchmal entfernen auch die Nachbarn unsere Briefe, weil sie Angst haben, dann könnte im Haus eingebrochen werden." Oder die Person ist aus der Wohnung längst ausgezogen, auch das komme immer wieder vor, erklärt Rubik.

Die Ursachen für die Mietschulden sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Schulden durch Lebensveränderungen wie Scheidung oder Jobverlust sind dabei, ebenso wie Krankheiten oder Umstände, die den Prozess des Bezahlens erschweren. Das ist vor allem bei älteren Menschen oft ein Hindernis. Rubik: "Plötzlich ist die Bank nicht mehr ums Eck, man muss am Automaten einzahlen, das kann überfordern." Rubik erzählt von einem Ehepaar, das er aufgesucht hat, bei dem allein der Abschluss eines Lastschriftmandats das Problem gelöst hat. Auch längere Krankenhausaufenthalte, Kuren, Bettlägerigkeit oder Demenz können ein Grund für ausbleibende Zahlungen sein.

Probleme verdrängen

Verdrängung spielt ebenfalls eine Rolle. "Manche Mieter schauen einfach nicht ins Postkasterl, nach der Vogel-Strauß-Technik: Wenn ich das Problem nicht sehe, habe ich keines", sagt Rubik. Dazu komme Scham, sie sei ein Riesenproblem. "Vor allem schämen die Menschen sich vor sich selbst. Sie müssen sich ein Scheitern eingestehen. Etwas so Normales wie regelmäßig die Miete zu zahlen, haben sie nicht geschafft. Jetzt müssen sie um Hilfe bitten, das fällt vielen schwer."

Hier setzt die aufsuchende Sozialarbeit an. "Ich sage den Betroffenen, dass so etwas vorkommen kann, es viele Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Wir werten nicht, vor uns muss sich niemand rechtfertigen", erklärt Rubik. Der persönliche Kontakt senkt die Hemmschwelle, Betroffene bekommen einen direkten Ansprechpartner und seine Handynummer. "Ein Gesicht ist verbindlicher als eine Stimme am Telefon. Eine Person, die vor der Tür steht, kann man schwerer ignorieren als einen Brief", sagt der Sozialarbeiter.

Vor dem Start des Projekts wurden Mieter mit Rückständen lediglich telefonisch und postalisch kontaktiert. Jetzt werden sie zuhause besucht. Das läuft so: Wird der Sozialarbeiter reingelassen, stellt er sich vor und fragt den Mieter, ob er Interesse an einer Beratung hat. "Unser Angebot ist freiwillig, wir geben nur Empfehlungen ab. Beim Mieter muss die Bereitschaft da sein, die Hilfe anzunehmen."

Kontakte herstellen

Wollen die Betroffenen mit den Sozialarbeitern zusammenarbeiten, unterstützen diese sie dabei, Anträge auszufüllen, etwa für die "Unterstützung in besonderen Lebenslagen", die von der MA40 ausgegeben wird. Die Sozialarbeiter stellen Kontakt zu sozialen Einrichtungen her, verschaffen sich einen Überblick über die Gesamtsituation und Einkommensmöglichkeiten. "Und wir lassen uns die Lebensgeschichte der Betroffenen erzählen, das geschieht aber hauptsächlich zur Entlastung der Mieter", so Rubik. Dann wird gemeinsam ein Plan erarbeitet, wie die Delogierung abgewendet werden kann, etwa durch Ratenzahlung. Die Wohnung zurückzugeben und zu Freunden zu ziehen sei auch eine Option, für die sich manche Mieter entscheiden, sagt Rubik. "Viele müssen einfach nur wachgerüttelt werden. Wenn ich sage: 'Hey, jetzt ist es wirklich an der Zeit, etwas zu unternehmen', reicht das oft schon aus. Manche organisieren die Rückzahlungen dann ganz alleine, da haben wir nur eine Back-up-Funktion", erzählt Rubik.

Kann der Betrag, der geschuldet wird, nicht privat bezahlt werden, kann um Unterstützung beim Sozialamt oder anderen Organisationen angesucht werden. Das Team zur Sozialen Wohnungssicherung dient hierbei vor allem als Schnittstelle und Drehscheibe zu anderen Angeboten, weil viele Mieter nicht wissen, wohin sie sich wenden können. Nach der Vermittlung an die entsprechenden Einrichtungen erkundigen die Sozialarbeiter sich dort, ob die Person sich vernetzt und das Vorhaben funktioniert hat.

Meist sei das der Fall, berichtet Rubik, der die Erfahrung gemacht hat, dass die meisten Menschen froh darüber sind, dass das Team sie unterstützen will. Rubik: "Bisher wurde mir noch nie die Tür vor der Nase zugeschlagen, und alle wollten mit mir zusammenarbeiten." Es gibt aber auch Fälle, in denen nicht geholfen werden kann, etwa wenn vereinbarte Aufgaben vom Mieter nicht erledigt werden. Oder wenn der Mieter die Hilfe zwar annehmen will, die Schulden aber so hoch sind, dass ein Verlust der Wohnung nicht verhindert werden kann. "In diesen Fällen ist die Obdachlosigkeit für manche der einzig mögliche nächste Schritt", sagt Rubik.

Vorbereitet obdachlos

Aber auch dann unterstützen die Sozialarbeiter und versuchen, einen geordneten Übergang zu schaffen. Es wird dann etwa organisiert, dass die Betroffenen sich früh genug an die zuständigen Organisationen wenden und etwa einen Platz im Männerheim oder einer anderen Obdachloseneinrichtung bekommen. Zwei solcher Fälle hat Rubik seit Februar erlebt. "Es wäre vermessen zu sagen, dass wir alle 'retten' können."

Trotz Rückschlägen ist das Projekt ein Erfolg. Eine Zwischenbilanz im Mai hat gezeigt: Von 129 drohenden Delogierungen konnten 102 abgewendet werden. Rubik sieht vor allem den Nutzen für das gesamte soziale System der Stadt: "Es ist ein nachhaltiges Konzept, wenn Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahrt werden sollen, denn auch in dieser Lebenslage kommt die Stadt für ihre Versorgung auf, bevor die Betroffenen dann im Optimalfall durch andere Projekte in einem langen Prozess wieder zurück in eine Wohnung ziehen können." (Bernadette Redl, 24.6.2017)

  • Das Problem zu ignorieren ist eine häufige Strategie von Menschen, denen die Delogierung droht. Sie schauen oft wochenlang nicht in den Briefkasten.
    foto: istock

    Das Problem zu ignorieren ist eine häufige Strategie von Menschen, denen die Delogierung droht. Sie schauen oft wochenlang nicht in den Briefkasten.

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