Soziologie und Co müssen keine Sackgasse sein

    28. Juni 2017, 07:00
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    Taxifahren, Kellnern: Das seien Betätigungsfelder für Sozial- und Geisteswissenschafter, heißt das Vorurteil. Was ist dran?

    Studieren, was Spaß macht: So lautet der häufig nach der Matura erteilte Ratschlag. Gegen Ende des Studiums ändert sich der Tenor schlagartig. Dann verfolgt so manchen, der deshalb Geschichte, Anthropologie oder Soziologie studiert hat, die Frage: "Was willst du damit machen?"

    Ist diese Sorge berechtigt? Sind die Berufschancen für Geistes- und Sozialwissenschafter tatsächlich so viel schlechter? Und arbeiten sie häufiger prekär und unter ihrer Qualifikation?

    Darüber hat Ulrike Schneeberg gleich ein ganzes Buch geschrieben. Die 33-Jährige studierte Literaturwissenschaften in Cambridge und Amerikanistik in Berlin. Sie bestätigt: Etwas Passendes zu finden sei zunächst langwierig und schwierig gewesen. Übrigens auch für die meisten anderen der 25 Geisteswissenschafter und Geisteswissenschafterinnen, die Schneeberg für ihr Buch, das kürzlich im Marta-Press-Verlag erschien, interviewte.

    Suche dauert länger

    Zahlen bestätigen diese persönlichen Erfahrungen: Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer brauchen länger, um beruflich Fuß zu fassen. Das zeigt etwa eine aktuelle Studie von Universität Wien und Statistik Austria mit Daten von mehr als 43.300 Absolventen aller Fachrichtungen, die seit 2003 in den Arbeitsmarkt eingestiegen sind.

    Absolventen eines Masterstudiums in Geschichte, Anthropologie und Soziologie suchen demnach im Schnitt etwas mehr als drei Monate. Nach einem vergleichbaren Abschluss in Anglistik oder Literaturwissenschaften dauert die Suche viereinhalb. Wer Philosophie im Master studiert hat, sucht fast sechs Monate nach einem Job. Absolventen eines BWL-Masterprogramms werden innerhalb eines Monats fündig. Fertige Informatiker sofort, selbst wenn sie lediglich ein Bachelorabschluss vorzuweisen haben.

    "Es gibt Möglichkeiten"

    Ein Grund dafür ist die große Konkurrenz. Gleichzeitig richten sich weniger Ausschreibungen explizit an Geisteswissenschafter. "Anders als bei Lehrern oder Medizinern gibt es kein klassisches Berufsbild. Das bildet sich erst am Arbeitsmarkt heraus", sagt Thomas Wychodil vom AkademikerInnenzentrum (Akzent), das im Auftrag des AMS arbeitslose Akademiker betreut. "Man weiß seltener über die Möglichkeiten Bescheid", stimmt Schneeberg zu. "Die gibt es aber sehr wohl."

    Als typische Arbeitgeber für Geisteswissenschafter nennt Christa Schnabl, Vizerektorin der Uni Wien, Verlage, Kultureinrichtungen, den öffentlichen Sektor. Die meisten dürften übrigens über kurz oder lang in dem Bereich Fuß fassen, für den sie ausgebildet sind. "Ob sie dort einer Beschäftigung nachgehen, die ihrer Qualifikation entspricht, erheben wir derzeit nicht."

    Der Weg in die Wirtschaft

    Auch in der Wirtschaft gibt es passende Jobs. Schnabl: "Geisteswissenschafter sind überall." Branchen, in denen sie vor allem landen, seien Unternehmenskommunikation, Werbung oder Erwachsenenweiterbildung, sagt Wychodil. Diese "werden in den nächsten Jahren weiter wachsen". Durch die Digitalisierung tun sich offenbar neue Betätigungsfelder auf.

    Als Arbeitgeber für Geistes- und Sozialwissenschafter positionieren sich zudem Unternehmensberatungen. Eine Handvoll war kürzlich etwa bei der Uni-Wien-Karrieremesse vertreten. "Kunstabsolventen können gute Berater sein", meinte Altfrid Neugebauer von Horvath & Partners in einem STANDARD-Interview.

    Im Bewerbungsprozess sieht man sich offenbar dennoch mit Vorbehalten konfrontiert. So beklagen Schneebergs Gesprächspartner, dass ihre Fächer für viele Personaler "etwas sehr Abstraktes" seien. Umgekehrt jedoch müssten sich Geisteswissenschafter selbstsicherer geben, sagt die Autorin – schließlich könnten sie viel in ein Unternehmen einbringen. Im Studium erwürben sie einen "offenen und kritischen Blick" und die Fähigkeit, "komplexe Probleme zu analysieren". "Das sind Fähigkeiten, die in vielen Branchen wichtig sind." Und übrigens auch welche, die Experten unermüdlich als wichtige Skills für die Zukunft bezeichnen. "Man muss argumentieren lernen", sagt dazu Wychodil von Akzent.

    Praxisluft: Möglichst früh

    Damit der Übergang vom Studium in den Beruf möglichst reibungslos abläuft, raten die Experten, früh Praxiserfahrung zu sammeln. Gewisse Zusatzausbildungen seien sinnvoll, allerdings solle man nicht – aus Angst vor Absagen – ewig weiterstudieren. Helfen bei der Jobsuche könnten auch Kontakte, geknüpft bei Podiumsdiskussionen, Netzwerkveranstaltungen oder Messen. Ebenso wertvoll: Extraprojekte. "Meine jetzige Arbeitgeberin habe ich über das Buch kennengelernt", sagt Schneeberg, die mittlerweile in einer Kommunikationsberatung arbeitet und nebenbei Trainings für Berufseinsteiger gibt. Was sie rät, damit das Selbstbewusstsein nicht leidet? "Sich durch andere Aktivitäten Anerkennung zu holen. Und sich nicht verunsichern zu lassen."

    Nicht reich, aber glücklich

    Die Suche kann also beschwerlich sein, spätestens drei Jahre nach Ende des Studiums ist jedoch der Großteil der Geisteswissenschafter (laut Universität Wien zwischen 96 und 97 Prozent) im Job angekommen. Mit einem Top-Verdienst können sie aber wahrlich nicht rechnen. Während nach fünf Jahren im Beruf Informatiker im Schnitt 3800 Euro brutto verdienen und Betriebswirte 3650, kommen Geisteswissenschafter auf etwa 2300 Euro. Die gute Nachricht: "Die meisten sind glücklich oder zumindest sehr zufrieden mit ihrer Arbeit", sagt Schneeberg. "Sie empfinden sie als sinnvoll." (Lisa Breit, 28.6.2017)

    • Wenige Jobausschreibungen richten sich explizit an fertige Geisteswissenschafter.
      foto: heribert corn

      Wenige Jobausschreibungen richten sich explizit an fertige Geisteswissenschafter.

    • Viele Fähigkeiten, die Absolventen mitbringen, können in der neuen Arbeitswelt gebraucht werden. Dennoch ist der Weg zum beruflichen Ziel für Geisteswissenschafter oft ein längerer.
      foto: istock

      Viele Fähigkeiten, die Absolventen mitbringen, können in der neuen Arbeitswelt gebraucht werden. Dennoch ist der Weg zum beruflichen Ziel für Geisteswissenschafter oft ein längerer.

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