Warum kein Ei dem anderen gleicht

22. Juni 2017, 20:00
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Ob Kegel, Kugel oder Wassermelone: Die Form von Vogeleiern variiert von Art zu Art gehörig. Eine Forscherin glaubt nun, endlich das System dahinter gefunden zu haben

Princeton/Wien – Obwohl sie nicht größer sind als ein Huhn, legen Kiwis für ihre Verhältnisse geradezu monströse Eier von 13 Zentimetern Länge. Von solchen statistischen Ausreißern abgesehen, folgen die Dimensionen von Vogeleiern aber einigermaßen denen der Tiere selbst. Die Skala reicht vom 1,5 Kilogramm schweren Straußenei bis zum nur 0,5 Gramm wiegenden Ei der Bienenelfe – einem Kolibri, der ausgewachsen leichter als eine einzelne Straußenfeder ist.

Aber dann ist da noch die Form. Man darf sich die jeweiligen Eier der gut 10.000 heute lebenden Vogelarten nämlich nicht einfach als maßstabsgetreue Groß- oder Kleinversionen von Hühnereiern vorstellen. Bei den Proportionen gibt es keinen goldenen Schnitt. Der Falkenkauz etwa legt ein annähernd kugelförmiges Ei, das des indonesischen Hammerhuhns hingegen ist langgestreckt wie eine Wassermelone. Und das, was die am Nordmeer lebende Trottellumme herauspresst, sieht wie eine Miniaturausgabe von Obelix' Hinkelsteinen aus.

Beim Versuch, hier ein ähnlich klares Schema wie für die Größe zu finden, haben Oologen – also Wissenschafter, die sich auf das Wesen des Vogeleis spezialisiert haben – bislang auf Granit gebissen. Doch Mary Caswell Stoddard von der Universität Princeton könnte es nun gefunden haben.

Die große Eiersuche

Mit einem internationalen Ornithologenteam studierte die Forscherin über 49.000 Eier von 1400 Vogelspezies. Da Eiersammeln in der Wildnis heute zumeist verboten ist, stammten diese aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und waren in Museumssammlungen eingelagert. Die Eier wurden auf zwei Faktoren hin vermessen, deren Kombination laut Stoddard jede Varietät beschreibt: Elliptizität und Asymmetrie, also wie langgestreckt ein Ei ist und wie sehr eines der beiden Enden "spitz" zuläuft. Anschließend verglichen die Wissenschafter für ihre in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichte Studie die Messwerte mit sämtlichen verfügbaren Daten über Körperbau und Lebensweise der jeweiligen Spezies.

Es zeigte sich, dass es tatsächlich eine – und nur eine – Korrelation gibt: nämlich mit dem sogenannten "Hand-Wing-Index", der als Maß für die Flugfähigkeit gilt. Vögel, die über extreme Distanzen ziehen oder wie Schwalben den Großteil ihrer Zeit in der Luft verbringen, legen langgestreckte und/oder spitze Eier. Ihr Körper ist auf Stromlinienförmigkeit angelegt, das schränkt den Platz im Legedarm, wo sich das Ei bildet, ein. Ist das Ei langgezogen oder hat einen Spitz, bietet das zusätzliches Volumen für das Küken, ohne den Umfang des Eis zu vergrößern. Weniger mobile Vögel legen rundere Eier.

In der Vergangenheit haben Oologen alle möglichen kreativen Erklärungen für die verschiedenen Eiformen gefunden: Etwa dass ein kegelförmiges Ei nur in einem sehr engen Kreis rollen kann – was günstig wäre für Vögel, die auf engen Felsvorsprüngen brüten. Doch keine dieser Vermutungen hielt der Überprüfung durch Stoddards 1400-Arten-Modell stand. Es ist letztlich alles nur eine Frage des Stauraums. (Jürgen Doppler, 22.6.2017)

  • Ein Straußenei umgeben von Enten-, Hühner- und Wachteleiern: Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Größen- und Formenvielfalt, die die heutige Vogelwelt hervorbringt.
    foto: apa/dpa

    Ein Straußenei umgeben von Enten-, Hühner- und Wachteleiern: Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Größen- und Formenvielfalt, die die heutige Vogelwelt hervorbringt.

  • Das Cover der jüngsten Ausgabe von "Science" ist ganz der Vielfalt von Vogeleiern gewidmet.
    foto: frans lanting

    Das Cover der jüngsten Ausgabe von "Science" ist ganz der Vielfalt von Vogeleiern gewidmet.

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