Hunderte britische Hochhäuser brandgefährdet

22. Juni 2017, 17:57
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Vielerorts sind Fassaden mit brennbarem Material verkleidet, Premierministerin May kündigt rasche Abhilfe an

London – Tausende Briten leben in brandgefährdeten Hochhäusern und müssen mindestens vorübergehend ausquartiert werden. Zu diesem Schluss kommen Tests, die in den vergangenen Tagen im Gefolge der Brandkatastrophe von Kensington an zahlreichen Gebäuden durchgeführt wurden. Die Verkleidung an mindestens 600 der weit mehr als 4.000 Hochhäuser im Land ist feuergefährlich, berichtete Premierministerin Theresa May am Donnerstag dem Unterhaus. "Wir werden den Menschen nicht zumuten, in unsicheren Wohnungen zu leben", versicherte die Regierungschefin.

Der ausgebrannte Grenfell Tower steht als düsteres Mahnmal weit sichtbar im Westen Londons. 79 Tote wurden seit dem Brand vergangene Woche aus dem 24-stöckigen Haus geborgen, mindestens ein Dutzend Schwerverletzte liegen noch immer in Krankenhäusern. 600 Helfer sind rund um das Hochhaus im Einsatz: Feuerwehrleute zur Brandsicherung, Kommunalbeamte zur Auszahlung von Ersthilfen, Psychologen zur Betreuung der Opfer, Brandfahnder zur Feststellung der Ursache des schrecklichen Feuers.

Augenzeugen zufolge brach das Feuer kurz vor 1 Uhr morgens in einer Wohnung im vierten Stock aus, als Ursache wird ein defekter Kühlschrank vermutet. Ihre verheerende Wirkung konnten die Flammen aber erst entfalten, als sie an die Hausfassade gelangt waren. Offenbar bestand eine erst im vergangenen Jahr zusätzlich angebrachte Verkleidung aus dem gleichen, leicht brennbaren Material, das jetzt bei anderen vergleichbaren Wohnhäusern festgestellt wurde. Der Labour-Abgeordnete David Lammy sprach von "einem Verbrechen" und machte die Kommune sowie die beteiligten Firmen verantwortlich. "Da müssen Köpfe rollen."

Entschuldigung für die verspätete Reaktion der Behörden

In der Nacht zum Donnerstag trat tatsächlich der Direktor des Stadtbezirks Kensington, Nicholas Holgate, zurück. Er sei vom zuständigen Kommunalminister Sajid Javid dazu aufgefordert worden, teilte der Spitzenbeamte mit, was die Regierung dementierte. Premierministerin May begrüßte die Entscheidung im Parlament und entschuldigte sich für die verspätete Reaktion der Behörden vor Ort. Sie erwäge deshalb die Einsetzung einer Taskforce, die Kommunen bei ähnlich schweren Katastrophen unter die Arme greifen soll. Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn verlangte zusätzlich nach Konsequenzen für die politische Führung der Bezirksregierung, die seit Jahrzehnten von Mays konservativer Partei dominiert wird.

Im Nordlondoner Bezirk Camden haben Facharbeiter bereits damit begonnen, die flammbare Verkleidung von fünf kommunalen Hochhäusern zu entfernen. Auch in Lammys Wahlkreis Tottenham gebe es entsprechende Initiativen. "In den nächsten ein bis zwei Tagen müssen tausende Menschen anderswo untergebracht werden", sagte der Labour-Abgeordnete, dessen Frau mit einem der Opfer des Grenfell-Infernos befreundet war. Lammys Fraktionskollegin Emma Dent vertritt den Wahlkreis Kensington seit der Unterhauswahl vor 14 Tagen. Im Parlament dankte sie der Premierministerin im Namen ihrer "traumatisierten und verängstigten Gemeinschaft", mahnte aber auch: "Den Worten müssen rasch Taten folgen." (Sebastian Borger aus London, 23.6.2017)

  • Die Verkleidung an mindestens 600 der weit mehr als 4.000 Hochhäuser im Land ist feuergefährlich.
    foto: apa/afp/niklas halle'n

    Die Verkleidung an mindestens 600 der weit mehr als 4.000 Hochhäuser im Land ist feuergefährlich.

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