"Das Heuvolk": Der Versuch, selbst "Himmelsvolk" zu werden

22. Juni 2017, 17:23
1 Posting

Uraufführung von Signas Sekten-Performance in Mannheim

"Heuvolk", das ist das Publikum – dazu bestimmt, bei einem in spätestens sieben Jahren bevorstehenden Weltenende zu verbrennen. Oder hat es die Chance, doch noch als "Himmelsvolk" in eine "höhere Welt" einzutreten?

In dem ehemaligen US-Militär- und Wohnkomplex Benjamin Franklin in Mannheim-Käfertal, er wird bald abgerissen, hat sich offensichtlich eine Sekte verborgen gehalten und eingerichtet. Doch dieser Tage fährt immer wieder mal ein Bus mit knapp 50 Personen ins Käfertal. Das dänisch-österreichische Theaterkollektiv Signa (2016 mit Wir Hunde/Us Dogs bei den Wiener Festwochen) hat für diesen Ort einen neuen Streich ausgeheckt.

Alle sind in Trauer. In weißen Hemden mit schwarzer Krawatte und schwarzer Trauerschleife die Männer, in schwarzen Kleidern und Haube die Frauen. So werden die Zuschauer erwartet. Genau vor einem halben Jahr ist Jake Walcott gestorben, gebürtig in Louisiana, in Vietnam im Einsatz, US-Militärpfarrer in Mannheim, schließlich Gründer der Sekte. Jake hat unseren Besuch genau vorhergesagt. Alle hängen noch immer an ihm. Immer wieder müssen Tränen unterdrückt werden. "Heulvolk" gegen "Heuvolk".

Nackte Körper bespucken

Die Sekte hat es auch nicht leicht, elf unterschiedliche "Erdkern-Gottheiten" haben sie in ihre äußerlichen Körperhüllen aufgenommen. Sie haben sich in verschiedenen Räumen eingerichtet, alle liebevoll mit reichlich Trödel ausgestattet: Reinigungsräume, die "Schule des Weltendes", das Zimmer des Gamblers, das der "Lady of the hundred birds", die das Himmelsdach tragen müssen, oder das des Cowboys, dessen beide Helfer Körperhüllen für Stiere sind.

Manchmal soll man bei den Ritualen, den Exorzismen, den Selbstgeißelungen, den Waschungen mitmachen, Stiere auf die Weide treiben oder sogar nackte Frauenkörper bespucken. Liturgie und dionysische, auch blasphemische Orgien sind Ursprung des Theaters. Allerdings: Existenzielle Erfahrung und Verunsicherung wie in den Opferritualen von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater bietet Signa diesmal kaum.

Flanieren zwischen Attraktionen

Doch gerne plaudert man mit traurigen, sympathischen Walcott-Jüngern, mit denen man sofort per Du ist und die einen schnell ins Vertrauen ziehen und das Geschehen interpretieren. So flaniert man zwischen den einzelnen Attraktionen – sich immer wieder an der theatralischen Verstellung der Signa-Schauspieler erfreuend, manchmal ist es fast wie im Heilsarmee-Musical. Man hat Kasperpuppen und Tricksterfiguren, die über den Türrahmen in den einzelnen Zimmern angebracht sind, abzuwehren und zu beschwören, damit alles in der bestehenden Ordnung bleibt.

Endlich ist man vorbereitet auf die letzte Zeremonie in der Sullivan Chapel, einer Militärkirche. Und da funktioniert – verblüffend – das "Herr, wir kommen"-Ritual der Sekte tatsächlich: Von den Zuschauern, nun alle auf Matratzen kauernd, erheben sich "erweckt" tatsächlich einige, ziehen sich aus und reinigen sich, um auch "Himmelsvolk" zu werden. Doch auch wir anderen werden noch einmal einzeln umarmt und nach sechs Stunden freundlich entlassen. (Bernhard Doppler aus Mannheim, 23.6.2017)

Premiere war im Rahmen der Schillertage (16.-24. 6.); im Nationaltheater Mannheim folgt eine Spielserie von 1. bis 16. 7.

  • Signas Performance-Installation darf frei durchwandelt werden.
    foto: erich goldmann

    Signas Performance-Installation darf frei durchwandelt werden.

    Share if you care.