Naturheilkunde und Schulmedizin zusammendenken

Rezension25. Juni 2017, 15:00
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Akupunktur, Fasten, Aderlass: Der Berliner Internist Andreas Michalsen beschreibt in seinem neuen Buch, wie traditionelle Heilmethoden erfolgreich integriert werden können

Wer an die Wirkung von Ayurveda und Yoga sowie Selbstheilungskräfte des Körpers glaubt, wird oft belächelt, bisweilen von Ärzten abschätzig behandelt. Für den Berliner Internisten Andreas Michalsen ist es deshalb höchst an der Zeit für eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme.

Der Chefarzt am Immanuel-Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité findet an traditionellen Heilmethoden nichts Verstaubtes. Im Gegenteil: Sie seien zeitgemäßer denn je. Denn bei chronischen Krankheiten stoße die Schulmedizin an ihre Grenzen und brauche dringend Alternativen. Dabei zweifelt Michalsen nicht an den Leistungen der Akutmedizin im Operationssaal oder auf der Intensivstation, sondern plädiert für eine Kombination der verschieden Schulen.

Ignoranz der Schulmedizin

Was sich ändern muss, ist der Blick auf die Heilkunde, schreibt Michalsen. Statt wie bisher die Krankheit in den Mittelpunkt zu stellen, müsse nach den Wurzeln der Gesundheit und der Widerstandskräfte gesucht werden. Naturheilkundliche Therapien zielen darauf ab, die Ressourcen der Patientinnen und Patienten zu stärken. "Wenn das gelingt und es den Kranken besser geht, bezeichnen das viele meiner Kollegen herablassend als Placeboeffekt", so der Autor. Langsam aber dreht sich der Wind: Jahrtausendealte Heilverfahren wie jene der Traditionellen Chinesischen Medizin oder der indischen Ayurveda-Medizin finden heute auch an renommierten Universitätskliniken wie der Berliner Charité Anerkennung. In der Integrativen Medizin, also der Verknüpfung von naturheilkundlichen mit schulmedizinischen Therapieformen, liegt für ihn die Zukunft der Medizin.

Nebenwirkungen, Überdiagnose, Therapiefehler – Michalsen versucht seine Patientinnen und Patienten von der arzneimittelfokussierten Medizin, einer "häufig übertriebenen Pharmakomedizin", wie er sie nennt, wegzubringen. Nicht selten schlucken ältere Menschen acht bis zehn unterschiedliche Pillen pro Tag, um die Symptome ihrer chronischen Krankheiten zu lindern. Aber: "Schon ab drei Medikamenten haben wir im Prinzip keine Ahnung mehr, zu welchen Wechselwirkungen es dadurch kommt", so der Autor.

Die Liste der "Top Ten"

In seinem Buch gibt Michalsen konkrete Empfehlungen. Er fasst die wichtigsten Einsatzgebiete der Pflanzenmedizin zusammen und bespricht exemplarisch, wann und wo Schulmedizin und Naturheilkunde miteinander harmonieren können. Patientengeschichten und Erfahrungsberichte erzählen von der praktischen Anwendung seiner Forschung. Von Bluthochdruck über Arteriosklerose bis hin zu Diabetes und Rheuma: Anhand der häufigsten chronischen Erkrankungen erstellt er eine Liste der "Top Ten" seiner Behandlungsmethoden. Vegetarische oder vegane Ernährung spielt dabei immer wieder eine Rolle, ebenso Heilfasten, Kneipp-Therapien, Bewegung, Heilkräuter und Schröpfen.

Medizin kann mehr, als nur Medikamente zu verordnen, ist eine seiner Thesen. Dabei spart Michalsen die politische Dimension nicht aus. Er übt Kritik an Vertretern der Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft, und meint damit, jene, die erfolgreich Lobbying betreiben, etwa gegen die Kennzeichnung von gesundheitsschädlichen Lebensmitteln oder das Verbot verdächtiger Umweltchemikalien wie Glyphosat.

Sein Fazit: Der ganzheitliche Ansatz der Naturheilkunde muss stärker gefördert und integriert werden. Die verschiedenen Schulen sollten voneinander lernen – nicht zuletzt durch den Druck mündiger Patientinnen und Patienten. Denn diese, wollen zu ihrer Genesung etwas beitragen und immer öfter auch naturkundlich behandelt werden. (Christine Tragler, 25.6.2017)

  • Andreas MichalsenHeilen mit der Kraft der NaturInsel-Verlag 2017304 Seiten, 20,60 Euro

    Andreas Michalsen
    Heilen mit der Kraft der Natur

    Insel-Verlag 2017
    304 Seiten, 20,60 Euro

  • Wissen, was guttut: Gesunder Lebensstil reduziert das Krankheitsrisiko.
    foto: getty images / istockphoto

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