Linzer Uni stellt sich der Geschichte ihres Campus in der NS-Zeit

22. Juni 2017, 12:56
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Studie zu Aktivitäten und Plänen der Nazis auf heutigem Areal der Johannes Kepler Universität

Linz – Die Linzer Johannes Kepler Universität (JKU) hat ihren 50. Geburtstag im Vorjahr zum Anlass genommen, sich mit ihrer Geschichte – speziell in der NS-Zeit – zu befassen. Der Historiker Hermann Rafetseder hat dazu eine Studie erarbeitet. Fazit: Mehrere Projekte der Nazis tangierten den heutigen Campus direkt oder indirekt, teilweise waren dort sogar Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht.

"Gerade eine Bildungseinrichtung hat bei der Aufarbeitung eine besondere Verantwortung", betonte Rektor Meinhard Lukas in einer Pressekonferenz anlässlich der Studienpräsentation am Donnerstag. "Nur wer Vergangenes, in all seinen unterschiedlichen Ausformungen, nicht außer Acht lässt, kann einen positiven Beitrag zur Weiterentwicklung leisten." Bei aller Feierlaune zum Jubiläum hat man daher auch ein dunkles Kapitel in der Vergangenheit des heutigen Uni-Areals beleuchtet.

Auf zum Schloss Auhof, in dem heute unter anderem das Rektorat untergebracht ist, gehörenden Gründen wurde in der NS-Zeit mit dem Bau einer Kaserne für die SS begonnen. 1938 wurde das Gelände – ohne Schloss – an die Wehrmacht verkauft, die ihrerseits eine Infanteriekaserne plante. Für deren Bau wurde am Gelände des heutigen Science Park das "Gemeinschaftslager der Deutschen Arbeitsfront Auhof" eingerichtet, in dem auch Kriegsgefangene untergebracht waren.

Zwangsarbeiter statt Studenten

Peripher berührten zwei weitere Lager aus der NS-Zeit das Gelände des heutigen Campus. 1940/41 entstand das "Umsiedlerlager Auhof der Volksdeutschen Mittelstelle", direkt an den heutigen südlichen Parkplatz angrenzend, wo neben "Volksdeutschen" unter anderem auch Zwangsarbeiter, etwa aus Russland oder der Ukraine, lebten. 1941/42 entstand südwestlich des späteren JKU-Bereichs das "Städtische Arbeiterlager Dornach". Es hatte 1943 einen Sollbelegstand von 2.500 Personen, gegen Kriegsende waren es bereits überwiegend Zwangsarbeiter.

Weitere Projekte der NS-Führung wurden nicht mehr realisiert, etwa eine riesige Artilleriekaserne, die an der Südwestecke des heutigen JKU-Geländes hätte entstehen sollen. Auch ein Heeresstandortlazarett westlich von Schloss Auhof oder ein von Adolf Hitler ersonnenes "städtisches Krankenhaus Nord", blieben Fiktion. Die beiden Spitalsprojekte hätten direkt heutiges Uni-Gelände betroffen.

Der Historiker Hermann Rafetseder vom Österreichischen Versöhnungsfonds listet in der mehr als 100 Seiten starken Studie akribisch die Geschehnisse auf und nennt auch namentlich Gefangene wie beispielsweise den französischen Landwirt Alphonse Gaudin, der im "Gemeinschaftslager der Deutschen Arbeitsfront Auhof" umkam, oder die Ukrainerin Anna Semenjuk, die im Lager Dornach als Küchenhilfe zwangseingesetzt war. (APA, 22.6.2017)

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