"Washington Post"-Chef Martin Baron: Plädoyer für Tech in Redaktionen

    22. Juni 2017, 11:22
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    Technologie sei der Schlüssel zu journalistischem Erfolg im Internet, "Post"-Besitzer Jeff Bezos kein Sugardaddy

    Wien – Jeff Bezos ist kein Sugardaddy. Das beteuert Martin Baron, Chefredakteur der "Washington Post", beim Kongress des Global Editors Network (GEN) in Wien am Donnerstag. Bezos, der die renommierte Tageszeitung 2013 kaufte, behandle die "Washington Post" nicht als wohltätiges Projekt "und ich bin froh, dass er das nicht tut. Denn wenn er es täte und sich irgendwann damit langweilt, stünden wir schlecht da", sagt Baron.

    Die "Post" verfolge zwei Ziele: Erstens, schnell digital erfolgreich zu sein. Zweitens, ehrgeizigen Journalismus liefern. "Wir akzeptieren die Vorstellung nicht, dass man die beiden nicht gleichzeitig erledigen kann. Wir können und wir müssen", sagt Baron. Es sei auch notwendig, "eine neue Beziehung zur Öffentlichkeit" zu entwickeln – angesichts massig verfügbarer Informationen im Internet müssten Zeitungen transparenter werden und etwa Dokumente und Interviews im Volltext veröffentlichen.

    global editors network
    Die Session mit Martin Baron zum Nachsehen.

    Automatische Überschriften

    Die Strategie des Chefredakteurs, um als Tageszeitung auch digital erfolgreich zu sein: "Wir zielen nicht auf das eine Projekt ab, das alle unsere Probleme löst". Vielmehr müssten sich Redaktionen ständig an mehreren Fronten verbessern und mit neuen Ideen experimentieren. Dabei sei technologische Entwicklung zentral. "Deshalb entwickelt sich die 'Post' hin zu einem Technologieunternehmen, während wir gleichzeitig ein Journalismusunternehmen bleiben".

    Techniker würden deshalb bei der Zeitung in redaktionelle Abläufe integriert. Sie entwickelten etwa ein System, mit dem ein Artikel bei unterschiedlichen Usern mit verschiedenen Überschriften angezeigt werden – und jene Überschrift, die am häufigsten angeklickt wurde, automatisch übernommen wird. Eines der ersten Vorhaben seit Bezos‘ Übernahme 2013 war es außerdem, die Ladezeiten der Website drastisch zu verkürzen, denn "Leser sind berüchtigt für ihre Ungeduld".

    Kein Krieg mit Trump

    Kritik übte Baron an US-Präsident Donald Trump. Er sei dem Journalismus gegenüber von Anfang an feindselig eingestellt gewesen. Durch die Darstellung der Medien als "Feinde des Volkes" versuche er, für ihn negative Berichte die Legitimation zu nehmen. Baron will auf dieses Spiel aber nicht einsteigen: "Der Präsident mag sich im Krieg befinden. Aber die 'Washington Post' tut das nicht. Wir sind an der Arbeit." (Sebastian Fellner, 22.6.2017)

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