Bitcoin: "Eine Manie, die noch viel verrückter werden kann"

24. Juni 2017, 09:00
869 Postings

Gold und Bitcoin haben viele Gemeinsamkeiten – etwa, dass Experten beiden Potenzial gegenüber herkömmlichen Währungen einräumen

Wien – Eine gewisse Art der Seelenverwandtschaft zwischen Gold und der Kryptowährung Bitcoin liegt beinahe auf der Hand. Die offensichtliche Gemeinsamkeit liegt darin, dass beide unabhängig von Regierungen oder Notenbanken sind und sich deren Menge bzw. Anzahl nicht beliebig vermehren lässt. Dennoch: Während Gold schon länger kaum vom Fleck kommt, erfahren nicht nur Bitcoin, sondern auch andere Kryptowährungen einen Höhenflug.

Warum dies so ist, erklärt Gold-Experte Ronald-Peter Stöferle vom Vermögensverwalter Incrementum wie folgt: "Es ist die Spekulation darauf, dass Bitcoin als Tauschmittel stärker eingesetzt wird. Wenn das passiert, ist das Potenzial exorbitant." Setze sich Bitcoin jedoch nicht als "Komplementärwährung" neben Euro, Dollar & Co durch, drohe ein enormer Absturz, denn im Gegensatz zu Gold habe eine Kryptowährung keinen Gebrauchswert. "Aus Bitcoins kann man keinen Ehering machen", verdeutlicht Stöferle.

Zudem spricht er ein "Wort der Warnung" hinsichtlich der enorm gestiegenen Zahl solcher Währungen, von denen es mehr als 700 gibt, aus: "Diese hohe Anzahl an Kryptowährungen ist nicht nachhaltig, so viele braucht die Welt nicht." Es werde nur eine Handvoll überbleiben, wobei seiner Ansicht nach die größten, also Bitcoin, Ethereum und Ripple, die besten Karten haben.

Aber auch Kurschancen, denn die Marktkapitalisierung, also der Gesamtwert aller Bitcoins, betrage derzeit etwas mehr als 40 Milliarden Dollar, das entspreche ungefähr dem Gesamtwert der Isländischen Krone. Sämtliches im Umlauf befindliches Gold sei hingegen rund sieben Billionen Dollar wert. "Da ist noch Raum nach oben", sagt Stöferle. "Es ist jetzt schon eine Manie, aber die kann noch viel verrückter werden."

Chance und Risiko

Und zwar für den Fall, dass die "Financialisation" voranschreitet, also investierbare Produkte wie Fonds oder Futures auf Bitcoin & Co herausgegeben werden. "Es ist kaum zu leugnen, dass es eine eigene Anlageklasse werden kann", sagt der Finanzexperte. "Dann erschließen sich komplett neue Möglichkeiten." Auch Incrementum will sich aufgrund der Analogien zwischen Gold und den Kryptowährungen daran beteiligen, zunächst in Form von "qualitativem Research", von dem es noch wenig gebe. Auch hinsichtlich Investmentprodukten werden Ideen gewälzt, die allerdings noch nicht spruchreif seien.

Trotz seiner grundsätzlich aufgeschlossenen Einstellung gegenüber Onlinewährungen empfiehlt Stöferle Anlegern, nicht zu viel darin zu investieren: Wenn sich Bitcoin durchsetze, brauche man wegen der zu erwartenden großen Wertsteigerungen keine hohe Gewichtung. "Die Volatilität und die Risiken darf man auch nicht unterschätzen", betont Stöferle.

Hinsichtlich der Kursaussichten von Gold erwartet Stöferle kurzfristig keine großen Sprünge, auf längere Sicht freilich schon: "Ich glaube, dass in den USA eine Rezession nicht abwegig erscheint", sagt Stöferle – und stellt sich damit gegen den Mainstream der Prognosen: "Sonst sieht keiner auf drei Jahre eine Rezession am Horizont." Tritt seine Erwartung ein, müsste die US-Notenbank Fed wieder eine lockere Geldpolitik fahren. "Das ist der Moment, an dem Gold deutlich an Momentum gewinnen wird."

Zur Frage, inwieweit der Run der Onlinewährungen Nachfrage jener Anleger, die Notenbanken misstrauen, von Gold abzweigt, meint Stöferle: "Die Anlegerschichten überschneiden sich zum Teil schon." Beides seien Alternativwährungen, allerdings seien viele Bitcoin-Fans technikaffine Menschen, die erst über diese Technologie begonnen hätten, sich mit dem Wesen des Geldes zu beschäftigen. "Es ist interessant, dass sich diese zwei Welten nun annähern." (Alexander Hahn, 24.6.2017)

  • Artikelbild
    grafik: standard
    Share if you care.