Autonome Roboter: Nüchterne Realität statt großer Erwartungen

25. Juni 2017, 15:18
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Studie zum Status quo der Robotikentwicklungen: Forscher fordern Richtlinien von der Politik

Wien – Roboter werden fraglos autonomer. Ihre Lernfähigkeit steigt. Sie können flexibler auf individuelle Situationen reagieren. Doch die Fortschritte wecken oft unrealistische Erwartungen: "Es ist eine große Lücke zwischen den Visionen auf der einen und der Realität auf der anderen Seite entstanden", sagt Johann Cas vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Haushaltsroboter als universeller Butler, der kocht und bügelt, ist nicht in Sicht. "Es geht noch eher um Fragen wie: Wie verhindert man, dass sich der Staubsaugroboter in den Tischbeinen verfängt?"

Cas arbeitet mit Kollegen im Auftrag des Technologieministeriums an einer Kurzstudie, die einen Überblick über den Status quo der Robotik vermitteln soll – sowohl international als auch in Österreich. Globale Trends sollen genauso wie relevante heimische Player identifiziert werden.

Den oft kolportierten Vorhersagen bezüglich einer Welt, in der Mensch und intelligente Maschine nahtlos zusammenarbeiten, steht der Technikfolgenabschätzer skeptisch gegenüber. Die Ansätze der Kollaboration seien technisch aufwendig. Die Robotik müsse in Rücksicht auf den Menschen Leistungseinschränkungen hinnehmen, die Auswirkungen einer Zusammenarbeit auf die Arbeitszufriedenheit der Menschen seien ungewiss. Robotersensorik könnte zur Überwachung der menschlichen Arbeitskraft missbraucht werden. In einigen Bereichen werde es sinnvoll sein, Mensch und Roboter individuell zusammenspielen zu lassen. Letztendlich ist die Messlatte aber der wirtschaftliche Vorteil.

Vor allem in der Art, wie man Robotern neue Fähigkeiten beibringen kann, seien Fortschritte erzielt worden. Bestimmte früher allein die Programmierung den Ablauf der Handlungen, kommen heute natürlichere Formen der Interaktion zum Zug. Roboter lernen etwa immer öfter durch Vorzeigen. Die Algorithmik hat gelernt, menschliche Gesten zu interpretieren und zu reproduzieren – was aber längst nicht bedeutet, dass sie eigene Lösungsstrategien an den Tag legen könnte.

Hype um autonome Autos

Auch im Bereich selbstfahrender Autos folgt der ITA-Forscher dem Hype nicht. Einerseits gebe es ein großes Interesse der Industrie, die Technologien voranzutreiben, andererseits würde das selbstständige Fahren auch als Einschränkung der menschlichen Freiheit wahrgenommen. "Es gibt keinen Grund, mühseligen Tätigkeiten nachzutrauern, die Roboter übernehmen können. Es sollte aber nicht so sein, dass die Automatisierung den Menschen in der Autonomie beschränkt."

In Österreich mit seiner traditionellen Stärke in hochspezialisierten Nischen hat auch in der Robotik eine gute Ausgangsposition. "Vonseiten der Politik müsste eine Leitlinie entwickelt werden", sagt Cas. Eine relevante Frage lautet, welche gesellschaftspolitischen Maßnahmen die Automatisierung begleiten könnten. Wie kann zum Beispiel die Arbeit, die dem Menschen bleibt, besser verteilt werden?

"In Europa gibt es eine sehr ineffiziente Form der Arbeitszeitverkürzung durch Arbeitslosigkeit", sagt Cas, der am Montag bei der ITA-Tagung "Neue Arbeitswelt und Digitalisierung" über das Thema sprach. Die Lösung sei für ihn weniger in einem bedingungslosen Grundeinkommen als in einer gezielten Arbeitszeitverkürzung zu finden, die den Erwerb besser verteilt. (pum, 25.6.2017)

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