"Gefährliches Halbwissen" über Islam stärkt Ablehnung

20. Juni 2017, 17:44
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Experten sehen Ressentiments in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Wien – Der Großteil der Österreicher bewertet Zuwanderung skeptisch. 69 Prozent sehen darin eine Belastung für den Sozialstaat und sprechen sich explizit gegen Einwanderung aus muslimischen Ländern aus. Das ergab eine Studie des britischen Thinktank Chatham House (DER STANDARD berichtete), die in zehn EU-Ländern durchgeführt worden ist. Was sich dabei auch zeigte: Nur in Polen sind die Ressentiments gegenüber Muslimen noch größer als in Österreich. Aber warum ist ausgerechnet die Ablehnung in Österreich so groß?

Faktor Religion

Politologe Peter Filzmaier sieht eine Verlagerung der Wertekonflikte auf religiöse Ebene als Reaktion auf internationale Ereignisse. Das Rechts-links-Schema in der Politik sei schwächer geworden, der Faktor Religion stärker. Auch wenn das ein Widerspruch ist, da in Österreich die Zahl der bekennenden Christen rückläufig sei. Insgesamt werde aber vor allem eine antimuslimische Haltung deutlich, der Antisemitismus in der Bevölkerung steige nicht. Ursache dürfte ein "gefährliches Halbwissen" über den Islam sein. Reale Zusammenhänge, etwa der Krieg in Syrien, würden Ängste und Misstrauen verstärken.

Wer mehr über Muslime weiß, könne auch zwischen Vorurteilen und Erfahrungen unterscheiden, sagt Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er erklärt, dass spürbare Ablehnung und Feindseligkeit, die sich auch in Hasstaten äußern könne, in Wellen kommen: "Wenn es gesellschaftliche Signalereignisse gibt, wie Terroranschläge oder Pro-Erdogan-Veranstaltungen, dann werden die Stereotype und Vorurteile, die stets vorhanden sind, aktiviert".

Migrationsthema rückläufig

Für den Politikwissenschafter und Islamexperten Thomas Schmidinger sind die Ergebnisse der Studie wenig überraschend: "Auf der einen Seite gibt es eine gewisse Tradition. Es wird ja noch immer auf die Türkengefahr rekurriert. Auf der anderen Seite gibt es eine starke rechtspopulistische Bewegung, die bis in den Mainstream vorgedrungen ist."

Selbstverständlich sei der antimuslimische Rassismus kein österreichisches Phänomen: Aber, sagt Schmidinger mit Blick auf Frankreich: Es fehle hierzulande so etwas wie der "Cordon sanitaire, den es etwa in Frankreich gibt – selbst wenn der nicht mehr ganz so hermetisch ist". Die Ressentiments gegen Muslime seien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, meint Schmidinger: "Das ist auch die Schuld von SPÖ und ÖVP, die nur mehr um die Unterstützung der FPÖ buhlen."

Wird die ablehnende Haltung der Bevölkerung weiter steigen und auch im Wahlkampf ausgenützt werden? Politikwissenschafter Filzmaier hält dies für eher unwahrscheinlich. Das Migrationsthema sei rückläufig, das habe er schon beim Präsidentschaftswahlkampf im Verlauf der Wahlgänge feststellen können. Das Thema Arbeitsmarkt sei im Laufe der Wahlgänge dominanter geworden. Islamexperte Schmidinger ist sich da allerdings weniger sicher, denn: "Diese Problematik hat natürlich auch mit der muslimischen Seite zu tun – Stichwort Jihad. Das schaukelt sich hoch."

Verstärkte Stereotype

Das bestätigt Konfliktforscher Zick: "Terroranschläge, die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, verstärken Stereotype und Vorurteile und sie verbinden die Hoffnung, dass mit der Diskriminierung einer Gruppe die Gefahren verschwinden", sagt er.

Überall in Europa gebe es "einen hohen Grundsatz an negativen Vorurteilen gegenüber Muslimen und dem Islam" – und gleichzeitig zu wenige positive Stereotype und Assoziationen. Zick: "Zudem scheint das Ausmaß an Zivilcourage, welches negative Vorurteile zurückhält, nicht ausgeprägt." Für ihn ist klar: "Dass die Zahlen in Österreich so hoch sind, sollte aber zu einer Diskussion führen." Die Studie weise nämlich darauf hin, dass "autoritäre Vorstellungen von Ordnung und Führung mit den anti-muslimischen Vorurteilen in Österreich einhergehen". (Marie-Theres Egyed, Peter Mayr, 20.6.2017)

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