Unverständnis nach dem Tod des Weltenbummlers Warmbier

20. Juni 2017, 17:20
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Der Fall der US-Studenten Otto Warmbier, der nach eineinhalb Jahren Haft in Nordkorea kurz nach seiner Freilassung starb, dürfte die Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea zusätzlich schwer belasten.

Es sind unscharfe Bilder, gefilmt im Flur eines Hotels in Pjöngjang. Sie zeigen einen hochgewachsenen Mann, der ein Plakat von der Wand nimmt: vorsichtig daran zieht, bis es sich löst, und es behutsam auf den Boden legt. Das Propagandaposter, offensichtlich sollte es ein Souvenir sein, das er mit nach Hause nehmen wollte.

Wieder und wieder sind die Bilder in den Abendnachrichten der US-Fernsehsender gelaufen, seit Otto Warmbier nach 17 Monaten nordkoreanischer Gefangenschaft in seine Heimatstadt Cincinnati zurückkehrte. Als er ankam, lag er im Koma, entweder seit Wochen oder seit Monaten, genau wissen es nur seine Bewacher. Ab und an, so schildern es seine Eltern, öffnete er seine Augen. Doch weder konnte er sprechen, noch reagierte er auf Worte oder Gesten.

Am Montagabend ist Warmbier in einer Klinik in Cincinnati verstorben, ein 22-Jähriger, der in diesem Monat seinen Uni-Abschluss gemacht hätte, wäre alles nach Plan verlaufen. An der University of Virginia hatte er Ökonomie studiert, zugleich begeisterte er sich für Rap-Musik, an seiner High School war er Kapitän der Fußballmannschaft. Ein Abenteuerlustiger, der die Welt entdecken wollte – so charakterisieren ihn Verwandte und Freunde.

Neurologische Verletzungen

Was Warmbier hinter Gittern widerfuhr, ist einstweilen völlig unklar. Nach der Version des Regimes von Kim Jong-un litt er an Botulismus, einer seltenen Krankheit, die man sich nach dem Verzehr verdorbener Lebensmittel zuziehen kann. Man habe ihm eine Schlaftablette gegeben, danach sei er ins Koma gefallen, so Nordkorea. US-Ärzte, die Warmbier nach seiner Rückkehr untersuchten, sprechen von schweren neurologischen Verletzungen, ohne dass sie den Grund nennen könnten. Fest stehe, er habe große Mengen Hirngewebe verloren. Knochenbrüche hätten sie nicht festgestellt, auch sonst nichts, was darauf schließen ließe, dass er brutal geschlagen wurde.

So rätselhaft die Krankengeschichte ist, so empört ist die amerikanische Öffentlichkeit über die Behandlung eines Weltenbummlers, den offenbar nichts als die Neugier nach Nordkorea trieb. Am 30. Dezember 2015 reiste er von Peking nach Pjöngjang, vermutlich aus einem spontanen Einfall heraus. Am 2. Jänner, kurz vor dem Rückflug, wurde er auf dem Flughafen Pjöngjangs verhaftet. Die letzten Bilder, die Warmbier bei vollem Bewusstsein zeigen, sind Szenen des Schauprozesses, bei dem er gezwungen wurde, ein Geständnis abzulegen. Er habe den schwersten Fehler seines Lebens gemacht, sagte er unter Tränen. "Bitte retten Sie mein Leben." Im März 2016 wegen staatsfeindlicher Aktivitäten zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, schrieb er noch einmal an seine Eltern. Danach herrschte Funkstille, bis die Nordkoreaner der US-Regierung Anfang Juni mitteilten, dass der Student im Koma liege.

Konsequenzen gefordert

Selbst Bill Richardson, ein Politiker, der unter Präsident Bill Clinton UN-Botschafter war und regelmäßig mit Pjöngjang verhandelt, um gefangene Landsleute freizubekommen, sieht sich hinters Licht geführt. 20-mal habe er seit Warmbiers Festnahme nordkoreanische Emissäre getroffen. Nicht einmal sein Gesundheitszustand sei erwähnt worden. Nordkorea habe der internationalen Gemeinschaft lückenlos zu erklären, was Warmbier zugestoßen sei. Der republikanische Senator John McCain ruft zornig nach Konsequenzen: "Die USA können und dürfen es nicht hinnehmen, wenn einer ihrer Bürger durch eine feindliche Macht ermordet wird."

Ein Brief der Eltern des Toten ist indes so schlicht wie bewegend, dass er vielen nur Bewunderung abringt. Als ihr Sohn heimgekehrt sei, habe er ausgesehen, als sei er von Schmerzen geplagt. Innerhalb eines Tages habe sich sein Gesichtsausdruck verändert, vom Ängstlichen zum Friedlichen. "Er war zu Hause, wir glauben, dass er das spüren konnte."

Ein von US-Präsident Trump zuletzt in Aussicht gestelltes Treffen mit Kim Jong-un werde mit dem Fall unwahrscheinlicher, so sein Sprecher Sean Spicer. Zudem fordern die USA, noch drei US-Bürger freizulassen. (Frank Herrmann aus Washington, 20.6.2017)

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