Notenbank stimmt Briten auf harte Zeiten ein

    20. Juni 2017, 15:50
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    Notenbank-Chef: Einkommensdämpfer möglich

    London – Einen Tag nach Beginn der Brexit-Verhandlungen stimmen die britische Regierung und Notenbank die Bevölkerung auf eine wirtschaftliche Durststrecke ein. Der weltweit fünftgrößten Volkswirtschaft stünden harte Zeiten bevor, sagte Finanzminister Philip Hammond am Dienstag in London. Notenbankchef Mark Carney sagte, die Briten müssten auf Einkommensdämpfer gefasst sein.

    Je nachdem, wie sich die Gespräche über den Austritt Großbritanniens aus der EU entwickelten, müssten die Unternehmen des Landes wohl bald alternative Pläne umsetzen. Die Autoindustrie äußerte sich besorgt über den Brexit-Zeitplan und warnte vor einem dauerhaften Schaden für die Branche. Der Milliardär George Soros hielt eine Abschwächung der Konjunktur bis zu dem Punkt für denkbar, an dem ein Brexit sogar umgekehrt werden könnte.

    Realitätscheck

    Auch das deutsche Außenministerium setzte auf einen Sinneswandel der Regierung in London. "Die Briten müssen noch ein paar Fragen klären, und ich habe den Eindruck, dass inzwischen auch der Realitätscheck vorgenommen wird", sagte der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, vor Beratungen mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg.

    "Es wird nicht lange dauern, bis wir alle herausfinden, inwiefern der Brexit ein gemütlicher Spaziergang ins Schlaraffenland wird", sagte Carney. In der Übergangsphase würden die ohnehin langsam steigenden Löhne womöglich noch weniger zulegen. "Wir brauchen unbedingt eine Übergangsphase – außerhalb der Zollunion, aber mit den derzeitigen Regelungen – bis eine dauerhafte Lösung umgesetzt ist", sagte Hammond.

    Autobauer in Sorge

    Statt der für die Austrittsverhandlungen mit der EU anberaumten zwei Jahre seien wohl fünf Jahre realistischer, teilte der Autoverband SMMT mit. "Unsere größte Sorge ist, dass wir in zwei Jahren von der Klippe fallen – ohne Abkommen, außerhalb des EU-Binnenmarktes und der Zollunion und unter den schlechteren Bedingungen der Welthandelsorganisation." Die EU ist der größte Exportmarkt für britische Autobauer.

    Die Ratingagentur S&P könnte noch vor dem Abschluss der Brexit-Gespräche ihre Bewertung von Großbritannien ändern – vermutlich zum Negativen. Die Agentur werde das Land mindestens alle sechs Monate prüfen, sagte S&P-Volkswirt Moritz Krämer der Nachrichtenagentur Reuters. Wenn die Agentur die Note verändere, sei wegen des negativen Ausblicks eine Herabstufung wahrscheinlich. S&P hatte seine Bewertung nach der Brexit-Entscheidung im vergangenen Jahr von der Bestnote AAA um zwei Stufen auf AA gesenkt.

    "Loses Vorhaben"

    "Der Moment der Wahrheit kommt rasch näher", schrieb Soros an Journalisten. "Fakt ist, dass der Brexit ein loses Vorhaben ist, das sowohl Großbritannien als auch der Europäischen Union schadet. Man kann es nicht ungeschehen machen. Aber die Leute können ihre Meinung ändern." Die Haushalte würden feststellen, dass ihr Lebensstandard sinke und dass sie ihr Konsumverhalten anpassen müssten. "Noch schlimmer, ihnen wird auch klar werden, dass sie überschuldet sind und dass sie ihr Schulden zurückzahlen müssen." Premierministerin Theresa May sollte versuchen, die Briten im EU-Binnenmarkt zu halten. Der Scheidungsprozess werde mindestens fünf Jahre benötigen. In der Zeit werde es Wahlen geben. "Wenn alles gut gehen würde, wollen die beiden Seiten vielleicht wieder heiraten noch bevor sie sich geschieden haben."

    Die Brexit-Verhandlungen hatten am Montag begonnen. Sowohl die EU als auch Großbritannien erklärten, sie strebten einen geordneten Austritt an. Dieser ist laut den EU-Verträgen für den 29. März 2019 vorgesehen. Erschwert werden die Verhandlungen womöglich durch den Verlust der Mehrheit der Konservativen im Unterhaus. (APA/Reuters, 20.6.2017)

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