Georg Steker: Erzählungen auf Zukunftssuche

20. Juni 2017, 15:57
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Einer der künstlerischen Leiter der Musiktheatertage über den Opernzauber der Gegenwart

Wien – Kaum haben sich die Wiener Festwochen verflüchtigt, erhebt jene delikate Reihe ihr Kunsthaupt, die sich dem zeitgenössischen Musiktheater widmet. Und möglicherweise beschenken die Musiktheatertage (23. Juni bis 2. Juli) sogar den Festwochenintendanten Tomas Zierhofer-Kin mit Anschauungsmaterial, was die Versöhnung von politästhetischer Brisanz und genreimmanenter Handwerkskunst anbelangt.

Der freitägliche Festivalbeginn, so knapp nach den Wiener Festwochen, hat jedoch nichts mit einer pädagogischen Hilfestellung für die noch frische Leitung des Großfestivals zu tun. Georg Steker – mit Thomas Desi künstlerischer Leiter des Unterfangens – sieht sich da eher in einer pragmatischen Rolle: "Es gibt für uns nur zwei wirklich interessante Zeitflächen für ein Wiener Festival von vierzehn Tage: knapp vor und knapp nach dem Sommer."

Die ersten zwei Festivalausgaben waren Ende August gestartet, für "Publikum, Künstler und Presseaufmerksamkeit" sei dies ein guter Zeitraum gewesen. "Und doch sind wir als Festival frisch genug, um uns zu entwickeln und etwas auszuprobieren. Dass die Wiener Festwochen gerade durch die Stadt gezogen sind, kann dabei günstig oder ungünstig sein – das ist noch offen. Sie schaffen zu Ende der Saison jedenfalls eine Festivalstimmung. Das interessierte Publikum ist justiert, nicht nur in die Theaterspielpläne zu schauen, sondern auch auf ungewöhnliche Produktionen oder Initiativen. Da passen die Musiktheatertage doch ganz gut dazu."

Wer ab kommenden Freitag dabei ist – alles startet mit Tanzcafé Schweigepflicht -, wird mit dem Motto "Eine Art Zukunft" konfrontiert, das Aspekte wie "Altern und Alter" umfasst. Grundsätzlich sollten Stücke, die für die Musiktheatertage infrage kommen, dabei einen genreübergreifenden künstlerischen Zugriff in sich tragen – "wie etwa in unseren Produktionen Audience Orchestra und Smartoper reloaded", so Steker. Auch lege man Wert auf die Abgrenzung zu Performance und reinen Konzertformen: "Wir präsentieren Stücke, die dramaturgisch eine theatrale Idee verfolgen und in denen Musik ein formleitendes Element darstellt."

Auch Gäste willkommen

Neben Eigenproduktionen werden auch relevante Gaststücke eingeladen. Dieser Austausch mit anderen Festivals bringe ja auch mögliche Reisefreuden mit sich: "Wir können so auch eigene Arbeiten hinausbringen. Heuer waren wir im Madrider Teatro Real und bei den Operadagen Rotterdam. Es folgt voraussichtlich noch ein Gastspiel in London." Eine Spezialität der Musiktheatertage ist das System "Pay as you can": "Wir haben es 2016 eingeführt, es ergab einen gleich hohen, graduell sogar ein wenig höheren Einnahmenschnitt pro Kopf im Vergleich zu 2015. Wir sehen die Idee bestätigt; die Zuseher sind mündig, zu entscheiden, was sie zahlen möchten."

Es seien keine Spenden, "um die wir bitten, sondern selbstgewählte Kartenpreise. Wir werden dieses Jahr eine einzige Umstellung vornehmen: Die Ticketbezahlung findet vor der Vorstellung statt, so wie man es aus dem Theaterbetrieb kennt." Damit falle zwar weg, "dass über die Bezahlung auch die Wertschätzung einer Arbeit gegenüber Ausdruck verleihen werden kann. Es schafft Zeit, sich beim Bezahlen die Frage zu stellen, was einem das alles grundsätzlich so wert ist."

Die offene Stilfrage

Was mögliche Musikstile anbelangt, gibt sich Steker natürlich offen: "Thomas Desi und ich kommen von der klassischen Musik. Daher wird die zeitgenössische klassische Musik das Festival immer relativ tragen. Wir öffnen uns aber anderen Zugängen, da verschiedene Themen andere Transporteure haben und diese dann ihre eigenen Stile. Die Grenzen sind zum einen in der Qualität und zum anderen in der Form zu suchen. Man wird bei uns aber keine Operette neu komponiert oder überschrieben finden. Eine zeitgenössische Komposition, die Alte Musik formal einbindet oder überschreibt, vielleicht eher."

Die Gegenwart habe sich einer breiten Palette an Erzählstilen geöffnet. "Es liegt an uns, die Inhalte dafür zu finden. Für mich ist es eine Möglichkeit, mich politisch zu verhalten, indem wir neue Aufträge für Themen vergeben und Stücke entwickeln, über die meiner Ansicht nach eine Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft stattfinden soll." In diesem Sinne gehen die Wiener Festwochen ja sogar irgendwie weiter. (Ljubisa Tosic, 20.6.2017)

23. Juni – 2. Juli, Werk X

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    foto: m. lipus/www.literaturfoto.net

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