Drama, Baby: Warum die Rüsche jetzt cool ist

27. Juni 2017, 14:02
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Das Image der Rüsche hat sich gewandelt. Heute gilt das eingezogene Stück Stoff nicht mehr als trutschiges Detail. Die einstige Dramaqueen ist in der Streetwear angekommen

Ein Traum, der exaltierte Aufzug des Gucci-Designers Alessandro Michele: Oben herum ein himmelblaues Rüschenhemd über dem pinken Brokatsakko, untenrum ein Faltenrock über der Hose. Der Designer stellte auf der glamourösen Met-Gala in New York seine Begleitung Dakota Johnson in den Schatten. Das wollte was heißen: Denn auch die Schauspielerin kam im Rüschenkleid, natürlich von Gucci.

Der Auftritt der beiden illustrierte die radikale Rüschenkur, die der Chefdesigner des italienischen Modehauses den Frauen- wie Männerkollektionen seit seinem Antritt unterzogen hat. Alles, was in den Jahren zuvor als redundanter Firlefanz, als altbackenes Chichi galt, hat er aus den Archiven hervorgezogen. Seither gibt es kein Halten mehr: Mehr ist mehr, ruft es vielstimmig von den Laufstegen, denn eine Rüsche kommt selten allein. Volants, Puff- und Keulenärmel werden als verspieltes Beiwerk obenauf gepackt.

foto: filippo fior / jacquemus, stylebop, hersteller, evan agostini / invision ap
Gucci-Designer Alessandro Michele (rechts) hat keine Angst vor Rüschenhemden, ...

Eine solche Begeisterung fürs Verschwenderische gab es wahrscheinlich seit Anfang der 1980er-Jahre nicht mehr. Damals verzauberte Prinzessin Diana die Welt in ihrem Hochzeitskleid, einem weißen Traum aus Puffärmeln, Rüschen, Schleifchen und Raffungen. Heute tragen nicht nur trendige Paradiesvögel Rüschen. Es gibt derzeit selbst bei den Retailern kaum ein Kleidungsstück, auf dem sich nicht eine flatterhaftes Stück Stoff niedergelassen hat: Bei H&M oder Zara verleiht es simplen T-Shirts und Sweatern ein Stück Raffinesse, Glockenhosen in Dreiviertellänge werden am Saum von Rüschen geziert. Der gefältelte Stoffbesatz, der im Gegensatz zum Volant aus einem geraden Stoffstreifen geschnitten ist, wird als Schlagobershaube auf Designerkollektionen von Jacquemus und Kollegen gesetzt. Bekömmlich ist er trotzdem.

foto: apa/afp/ getty images/ dimitrios
... Schauspielerin Dakota Johnson erst recht nicht.

Coole Rüsche

"Die Rüsche gilt im Moment nicht als süßlich und mädchenhaft, sondern als cool", meint Modehistorikerin Gerda Buxbaum. Das ist bemerkenswert. Denn kaum ein Detail in der Mode ist imstande, sich so schnell ins Aus zu schießen wie die eingezogene Stoffzugabe.

Mithilfe der verspielten Rüsche wolle sich die Mode jugendlich geben, erklärt Buxbaum. Wer sie trage, müsse sich in Acht nehmen. Je älter die Trägerin, desto größer sei die Herausforderung: Wer will schon dank einer Rüschenbluse trutschig aussehen? Die Erinnerung an das Biedermeier oder die 1950er-Jahre, die Hochzeit der Rüsche, klebt an ihrem Image: "Es gab in den 1950er-Jahren diese Sehnsucht nach Romantik und gleichzeitig auch nach Stabilität." Damals spielte ein Zentimeter mehr oder weniger endlich keine Rolle mehr. Nach Jahren des Verzichts konnte wieder in Stoff geschwelgt werden. Die Traumfabriken von Dior und Balenciaga gaben von Paris aus den Ton an – und wer sich Kleider damals selbst nähen musste, konnte sie mit wenigen Handgriffen und gerüschten Zugaben attraktiver machen.

Lange galt die Rüsche deshalb als verspielte Fußnote der Damenmode. Schauspielerinnen wie Marika Rökk lenkten in den 1950er-Jahren mit verrüschten Kostümen von der Vergangenheit ab, gleichzeitig musste die Rüsche immer wieder für Persiflagen herhalten. Jack Lemmon trug 1959 in Billy Wilders "Some like it hot" als Daphne eine transparente Rüschenbluse. Selbstverständlich sah das an Lemmon nicht sexy aus, die Bluse war Teil einer albernen Kostümierung als Frau. Jerry Seinfeld machte sich 1993 in der gleichnamigen amerikanischen Sitcom mit einer weißen Rüschenbluse zum Gespött – heute hat das Kleidungsstück sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

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Das angesagte französische Label Jacquemus setzt Rüschen auf gepuffte Ärmel – mehr Drama geht kaum.

Dekorierte Männer

Dabei wurden Rüschen bis zur Französischen Revolution genauso selbstverständlich von Männern getragen. Beide Geschlechter setzten auf Seidenhemden, Rüschen, Maschen und Spitzentücher um den Hals. "Im Barock waren die Männer dekorierter als die Frauen, sie trugen sogar Rosetten an den Schuhen", erklärt Modehistorikerin Buxbaum. Mit dem sachlichen Arbeitsanzug stieg der Mann dann aus. Und die Rüsche blieb (trotz vorübergehender Modeepisoden wie den New Romantics und den Hippies) als feminine Verzierung, als verspieltes Gestaltungselement von Kleidern, Blusen, Röcken über. Die Rolle der verrüschten Dramaqueen blieb viel zu lange am weiblichen Geschlecht kleben.

In den letzten Jahren allerdings scheint die Rüsche dieser eindeutigen Geschlechterzuweisung überdrüssig. Frauen kontrastieren sie mit derben Sneakern – und die Herrenmode hat die Exaltiertheit und modische Dramatik wiederentdeckt.

Der britische Designer J.W. Anderson ließ schon vor drei Jahren Männer in Rüschenblusen über den Laufsteg marschieren, die Modekritik war begeistert. Dann zog Alessandro Michele bei Gucci nach. Zumindest auf den Laufstegen hat die Rüsche dazu beigetragen, männliche wie weibliche Geschlechterstereotype aufzuweichen. Es wäre an der Zeit, dass auch die Männer auf der Straße beweisen, dass sie damit kein Problem haben. (Anne Feldkamp, RONDO, 26.6.2017)

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Nichts geht ohne Rüschen und Volants: Kleid von Philosophy di Lorenzo Serafini, geblümte Shorts von H&M, Oberteil von Review bei P&C.

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