Der Hollabrunner, der auszog, um die Chinesen Latein zu lehren

Blog20. Juni 2017, 14:52
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Der 50-jährige Leopold Leeb hat an der Pekinger Universität "viele Fans"

Leopold Leeb, den seine Freunde nur Leo nennen, konnte im Juni seinen 50. Geburtstag feiern. Der österreichische Professor, der seit 1995 in Peking lebt, dort in Philosophie, Kultur- und Sprachenkunde promoviert und habilitiert hat, machte sich selbst ein Geschenk. Seine jüngsten Bücher erschienen gerade in der chinesischen Hauptstadt und brachten die Zahl seiner Werke auf runde 50, also eines für jedes Lebensjahr.

Lob dafür wehrt der Sprach- und Kulturvermittler, Philosoph und Religionswissenschafter mit theologischem Hintergrund ab. "Die Hälfte meiner Bücher sind Übersetzungen oder Wörterbücher für Latein, Griechisch und Althebräisch." Dabei verschweigt Leeb eine entscheidende Besonderheit, die seine Bücher auszeichnet: Eines hat er auf Englisch geschrieben, die anderen 49 auf Chinesisch, das er beherrscht, als sei es seine Muttersprache.

Der Wert alter Sprachen

Viele schütteln ungläubig den Kopf, wenn sie vom Ausnahmetalent des aus Hollabrunn in Niederösterreich stammenden Altphilologen hören, der einst Philosophie und Theologie an der Hochschule St. Gabriel studierte. Er bringt chinesischen Studenten an der Pekinger Renda-Universität in Grundkursen Latein, Griechisch und Althebräisch bei. Die Unterrichtssprache ist Chinesisch, das Leeb von 1988 bis 1991 zuerst an der Fujen-Universität in Taiwan lernte und später in Peking perfektionierte. Auch schriftlich.

Die Bedeutung komplizierter lateinischer Begriffe erklärt er mit Schriftzeichen an der Tafel. Seine Studenten schreiben sie ab. Sie haben aufgehört, sich zu wundern, dass ein Ausländer vor ihnen steht. Dazu hält er noch Vorlesungen in klassischer Literaturgeschichte. Leebs Wissen ist gefragt. China hat den Wert der alten Sprachen für seine Grundlagenforschung, für logisches Denken und Naturwissenschaften neu erkannt.

"Das sind meine Kinder"

Wo und wann er da noch Zeit findet, Bücher zu schreiben, frage ich ihn beim Besuch in seinem kleinen Professorenapartment in der Renda-Universität. Statt einer Antwort geht er an eines der Regale, legt den Arm um seine Werke. "Das sind meine Kinder." Klassische Sprachen und Philosophie, Wissenschaftsdenken, Natur- und Religionskunde zu vermitteln und selbst im Original zu lesen sei für ihn ein Genuss, so wie "Bach oder Mozart zu hören".

Auf dem Tisch in der österreichischen Residenz in Peking liegen zwei Dutzend seiner Bücher aus. Botschafterin Irene Giner-Reichl, die nach fünfeinhalb Jahren in Peking im Juli nach Brasilien wechselt, hat ihn zu einer Veranstaltung eingeladen. Leeb sei ein kultureller Brückenbauer. Zudem komme es im Zeitalter des Internets immer seltener vor, Bücher überzeugend ehren zu können. Im Publikum klatschen chinesische Professoren, Philosophen, Sozialwissenschafter und Verleger. Der ehemalige Vizerektor der Renda-Universität, Yang Huilin, nennt Leeb einen "hochgeschätzten Kollegen" mit "großem Einfluss". Seine Grammatik-Vorlesungen seien "nie langweilig". Unter Studenten habe er "viele Fans".

Muttersprache Latein

Manchmal trägt Leeb bei Vorlesungen ein selbstentworfenes T-Shirt mit dem aufgedruckten ABC der drei klassischen Sprachen. Er überrascht seine Studenten und provoziert sie mitzudenken: "Wusstet ihr, dass eure Muttersprache nicht Chinesisch, sondern Latein ist?" Chinas Wort "Muyu" für Muttersprache sei abgeleitet vom lateinischen "lingua materna". Das klassische Chinesisch kannte viele Begriffe und Konzepte der modernen Welt und ihrer Wissenschaften nicht. Es nahm Anleihen beim Latein. Das habe man heute alles vergessen. Leeb will die lateinischen und auch griechischen Wurzeln der heutigen chinesischen Sprache ausgraben. "Das ist mein neues Hobby." Denn die Globalisierung habe früher angefangen, als viele dachten. Schon um 1300 unterrichtete ein italienischer Franziskaner Latein in Peking.

In seinen neuen Büchern befasst er sich auch mit dem Alltag Pekings. Er hat dazu die Erinnerungen, Zeichnungen und Aquarelle des Österreichers Berchmans Brückner zusammengestellt, übersetzt und unter dem Titel "Auf Wiedersehen, Peking" zweisprachig herausgegeben. Missionar Brückner musste kurz vor Gründung der Volksrepublik 1949 nach 26 Jahren Peking verlassen. Leeb hat selbst nach 22 Jahren Aufenthalt in der Metropole sein eigenes Peking-Buch "Meine Seelen-Hauptstadt" geschrieben.

Es ist seine Hommage an eine sich wandelnde Großstadt mit Einblicken in ihr Leben, die chinesische Leser auf Anhieb faszinierten. Das Buch hat er auf Chinesisch geschrieben, die deutsche Übersetzung aus seiner Hand wird später erscheinen. Seine Lektorin Liu Lihua vom Verlag New Star verlangt nun noch mehr Bücher von Leeb. Für große Autoren gebe es das chinesische Sprichwort "Zhushudengshen": Sie sollten in ihrem Leben so viele Bücher schreiben, wie sie hochgewachsen sind.

Leeb misst 1,76 Meter. Er muss noch 126 Bücher schreiben. (Johnny Erling aus Peking, 20.6.2017)

  • Leopold Leeb, Kulturvermittler
    foto: johnny erling

    Leopold Leeb, Kulturvermittler

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