Die Straßenzeitung: Welche Botschaften man beim Laufen liest

Blog21. Juni 2017, 06:00
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Von seltsamen und eindeutigen Botschaften, von Posting-Dialogen zwischen Fremden und der Frage nach dem Warum: Die wahre Straßenzeitung liest man beim Laufen

foto: thomas rottenberg

Ob mir dabei nicht fad wird. Die Frage kommt regelmäßig. Erstaunlicherweise auch von Läufern: Stadtläufer verstehen den Reiz des Waldes nicht – Landschaftsläufer halten die Stadt für öde. Und Nichtläufer verstehen sowieso nicht, wieso man läuft – und wieso man dann, systemimmanent, als Oftläufer immer wieder die gleichen Touren abspult, gilt dann irgendwann als Beleg dafür, dass man ein bisserl gaga sein muss: "Das muss doch ur fad sein!"

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Äh: Nein, ist es nicht. Aber das hat nicht nur etwas mit Zielen, unterschiedlichen Trainingsreizen, der Gesellschaft, in der man läuft, und Ähnlichem zu tun – sondern auch mit dem Untergrund. Der Straße. Die ist nämlich eine Leinwand. Oder ein Blatt Papier: An manchen Stellen mehr und an manchen weniger – aber sie ist ein Medium. Und irgendwann beginnt man zu lesen. Einzuordnen. Verbindungen herzustellen. Zu schmunzeln, sich zu wundern – oder zu ärgern.

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Doch egal, wie man reagiert: Man schaut. Nimmt Veränderungen wahr – und beginnt dann meist irgendwann auch zu suchen: Was verblasst? Was wird übermalt? Was ergänzt, was ent- oder aber weiter obszönisiert? Was wird professionell weggeputzt, was nicht? Welche Tags, Schriften und Botschaften gehören zusammen – und welchen ordnet man selbst einen Zusammenhang zu?

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foto: thomas rottenberg

Und vor allem: Welche Botschaften nehme ich mit? Welche Worte und welche Halbsätze bleiben heute hängen – und wie wirken sie sich auf meine Stimmung aus? Respektive: Haben sie überhaupt einen Impact – oder verstärkt das kleine Lächeln, das über mein Gesicht huscht, wenn ich bei einem Lauf, der schwach beginnt, zunächst an "Heute nicht" und dann, wenn der Lauf dann doch zu rollen begonnen hat, an einem "Oh doch!" vorbeikomme, einfach nur das, was ich ohnehin denke und spüre: Ist der Text am Boden die Henne – oder das Ei?

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foto: thomas rottenberg

Aber vor allem: Wieso tut sich das jemand an? Okay, da wäre zum einen das politische oder religiöse Statement. Der Wunsch, der Welt zu erklären, dass "Nazis raus" sollen (dem dann am Donaukanal irgendwer die nicht ganz unlogische Frage "wohin?" hinzugefügt hat), dass Jesus uns retten wird, dass "alle Gefangenen" befreit werden sollen, dass irgendwelche Paragrafen weg müssen und so weiter.

Unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung dieser Aussage (und unabhängig von der Frage, ob es weniger Vandalismus, Sachbeschädigung oder sonst was ist, wenn statt Hauswänden Gehsteige besprüht werden) kapiere ich das ja noch irgendwie.

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Und auch, dass Liebe ein Ventil braucht. Sei sie nun erwidert oder nicht. Freilich: Ob es zielführend ist, die Telefonnummer des Angebeteten in Gehsteigbreite auf den Weg zu malen, mag dahingestellt sein. Wobei das ja nicht unbedingt so sein muss; Wer sagt, dass das nicht eine Nachricht für den angebeteten Stephan ist – mit unübersehbar hinterlegter Rückrufnummer?

Freilich: Das Vertrauen, dass alle Nicht-Stephans dieser Welt die Nummer nicht aus Jux und Tollerei auch mal wählen, hätte ich persönlich nicht … (Darum habe ich sie auch – wenn auch amateurhaft – verpixelt).

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Doch das richtige Zu- und Einordnen der Botschaften und Nachrichten ist ja generell die Krux, aber auch der Reiz an der Sache: Gegenüber der Urania etwa hat jemand einen stilisierten Tim aus der alten belgischen Comicreihe "Tim & Struppi" hingemalt. Das ist eben meine Mutmaßung. Vor Jahren schon. Und während andere Straßenmalereien verschwinden, bleibt Tim. Er wird zwar blasser, verschwindet aber nicht.

Künstlerisch weit unspannender, inhaltlich aber weit rätselhafter ist das Logo gleich dahinter: Das "U5" steht hier schon gefühlt ewig. Und auch wenn Wien jetzt endlich die fehlende fünfte U-Bahn-Linie bekommt und es lange zahlreiche Varianten der Streckenführung gab: Hier war sie nie verortet worden.

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Andere Rätsel gibt es andernorts – wobei manche auch altersbedingt sein dürften: Wer oder was genau der "Swag" ist, habe ich noch nie ganz durchschaut. Im Stadtpark werde ich aber aufgefordert, denselben aufzudrehen. Wenige Meter weiter steht dann aber mit der gleichen Schrift und der gleichen Farbe eine zweite Aufforderung: "Steig aus dem Bett."

Was da zuerst zu tun ist und wie der inhaltliche Zusammenhang aussieht? Keine Ahnung. Und ich wüsste auch nicht, wen ich fragen könnte oder soll.

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Die Anonymität der Schreiber finde ich ganz generell ja auch reizvoll. Und fast bewundernswert: Mir persönlich wäre jedes Bodengraffito zu wurscht, um auszurücken und es zu "korrigieren". Erst recht, wenn ich dafür die gut erreichbaren und damit auch reichweitenstarken Reviere juveniler und urbaner Abhängerei (also etwa den innerstädtischen Bereich des Donaukanals) verlassen muss: Das "Wien ist scheisse" am Donauradweg – ein gutes Stück oberhalb der Kuchelau bei der 94-Kilometer-Markierung des "Wings for Life"-Laufes ist mir beim Radfahren etliche Male aufgefallen. Aber ich war zu faul, für ein Foto stehenzubleiben. Als ich diese Geschichte dann plante, war es zu spät: Irgendwer hatte die Botschaft bereits verändert. Wozu? Für wen? Kennen die Schreiber einander gar?

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Der Aufwand ist – wie schon gesagt – gerade hier beträchtlicher als anderswo. und der Impact weit geringer. Kann jemanden "Wien ist scheisse" am Radweg nach Klosterneuburg wirklich dermaßen aktivieren?

Noch unverständlicher wird es für mich, wenn ich von dieser Botschaft ein paar Meter weiter donauaufwärts laufe. Oder radle: Dass jemand tatsächlich mehrere Farben einpackt, um der Welt einmal mehr zu verkünden, was seit dem Tod von Sid Vicious' nichts weiter als ein trauriger Mix aus Verharren in der Trotzphase und jederzeit abrufbarem Jugendmarketing ist, ist gelinde gesagt verwunderlich. Irgendwie ja auch bewundernswert. Aber auch ein bisserl seltsam: Was soll oder kann die Reaktion oder Konsequenz des vorbeiradelnden oder vorbeischlendernden Volkes auf diese Verkündigung sein?

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Noch dazu, wo es eben auch jede Menge Sprüche gibt, die aus der Seele sprechen. Es ist – gerade in schlechten Trainings- oder sonstigen Phasen – nämlich wirklich fein, wenn man alle Ecken über Motivationsansagen à la "Kopf hoch" oder "Atme tief" stolpert. Respektive läuft: So wie Lob ja auch irgendwann nach innen sickert (Kritik ja sowieso), zeigt nämlich auch das auf Dauer Wirkung. Bei mir jedenfalls. Und auch wenn ich keine Ahnung habe, wer das alles schreibt oder sprüht: Danke dafür.

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Einmal habe ich ja – glaube ich – ein paar jener Leute gesehen, die mit Schablone und Sprühdose durch die Stadt ziehen, um diese netten Sätze und Slogans in Hanis-Lang-keine-Angst-Manier auf den Boden zu bringen. Jedenfalls fuhr ich einmal im Bus an einer Gruppe von drei oder vier Leuten vorbei, die geschäftig mit einer Schablone am Gehsteig werkten. Jedenfalls sah es so aus. Und tags darauf stand da einer dieser Slogans. Aber mitbekommen habe ich das erst danach: Das waren nämlich keine Youngster. Keine dreadlockigen Freaks. und auch keine Hipster- oder Künstlertypen – sondern ältere, konservativ-gediegen gekleidete Herrschaften.

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Vielleicht war das ja auch nur Zufall und hatte mit dem Spruch, der dann da am Boden stand, genau gar nix zu tun. Aber gerade weil ich nicht weiß, wer diesen (oder irgendeinen anderen) Teil der Wiener Straßenzeitung schreibt, finde ich die Idee, dass just dieser mein Lieblingsspruch von einer Rentnergang kommen könnte, umso netter.

Und eigentlich ist es ja auch vollkommen egal: Was zählt, ist das, was man selbst draus macht. Jeder. Jede. Sie und ich. Und irgendwann werde ich vielleicht auch losziehen – und ein kleines Hashtag-Statement zu jenen Postings stellen, die mich beim Vorbeilaufen zum Lächeln bringen: #whyilovevienna. (Thomas Rottenberg, 21.6.2017)


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