"I Am Not Your Negro": Die Angst, die Monster schafft

20. Juni 2017, 06:00
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US-Schriftsteller James Baldwin erzählt in Raoul Pecks Film, warum die USA bis heute vom Rassismus nicht ablassen

Wien – James Baldwin erlebte in den letzten Jahren eine bezeichnende Renaissance. Eine neue Generation bedeutender schwarzer Autoren wie der Afroamerikaner Ta-Nehisi Coates und der US-Nigerianer Teju Cole beziehen sich in ihren Essays über die eigene Identität und Fragen von "Blackness" auf die Schriften des 1987 verstorbenen US-Autors.

Selbst Barry Jenkins, der Oscar-prämierte Regisseur von Moonlight, merkte in einem Interview an, dass sein Film über das Aufwachsen eines homosexuellen Schwarzen ohne die Lektüren von Baldwin nicht denkbar gewesen wäre; er nannte den Film ein Kind von dessen Liebesroman Giovannis Zimmer und dem politischen Essay The Fire Next Time (1962).

Was Baldwin für die Gegenwart so bedeutend macht, ist fraglos seine hellsichtige Analyse des Rassismus in den USA, die durch Polizeigewalt wie 2015 in Ferguson oder die Nachhaltigkeit der Black-Lives-Matter-Bewegung ganz aktuell erscheint. Der aus Haiti stammende Filmemacher Raoul Peck hat dieses Momentum vorhergesehen. Über zehn Jahre hat er an dem Dokumentarfilm I Am Not Your Negro gefeilt, der den politischen Denker und brillanten Rhetoriker Baldwin nun fast ungefiltert zu vermitteln versteht.

Raoul Pecks eigentlich simple, aber höchst effiziente Idee basiert darauf, Baldwin nur selbst zu Wort kommen zu lassen – ohne Distanznahme, ohne Expertise von außen. Damit wird der rassistische Teufelskreis, aus dem die USA bis heute nicht herausgefunden haben, noch enger gefasst. Die Grundlage bildet Baldwins Fragment gebliebener Text Remember This House über Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King, drei zentrale schwarze Bürgerrechtsaktivisten. Baldwin hat in den 1960er-Jahren ihre Ermordungen miterlebt. Diese Zäsur ließ ihn auch seine ausgleichende Position als Intellektueller durchaus selbstkritisch überdenken.

Flamboyant, angriffslustig

Samuel L. Jackson liest diesen aufwühlenden Text mit einem Anflug von Schwermut, hinter der Wut und Trauer weiterhin spürbar bleiben. Über weite Strecken hört man einem Mann zu, der sich zwingt, Vernunft zu bewahren, ohne um die bitteren Wahrheiten und Lügen, die sein Land bestimmen, einen Bogen zu machen. Kampflustiger, um keinen argumentativen Stich verlegen, präsentiert sich Baldwin in den Archivaufnahmen; da lässt er sich als so flamboyanter wie eleganter Redner in TV-Talkshows oder bei Vorträgen erleben, der seine Kontrahenten versöhnlicher Schlussfolgerungen überführt.

Das für den Humanisten Baldwin typische Manöver besteht darin, den Ball zurückzuspielen und nach den strukturellen Gründen zu fragen, die es dem weißen Amerika so unmöglich machen, auf das Feindbild des schwarzen Mannes zu verzichten. Er zielt auf die Angst, der dieses von einem Traum individuellen Aufstiegs beseelte Land anheimfällt. Eine Angst, die das Privatleben aushöhlt und Menschen mit schwacher Moral immer wieder das Ressentiment wählen lässt. Der wahre Abgrund lauere so zwischen dem öffentlichen Bild und dem privaten Selbst. Peck bebildert das weniger illustrativ, sondern analytisch oder in Attraktionsmontagen: Auf die Heim-am-Herd-Idylle einer Doris Day folgen einmal die Bilder von am Galgen baumelnden Sklaven – weiter lässt sicht das kaum zuspitzen.

Neben all den Worten bleibt I Am Not Your Negro somit auch ein Film über Bilder, über starke, wirksame, verräterische Bilder. Peck bedient sich vor allem aus Baldwins Essay The Devil Finds Work, in dem sich dieser an seiner lebenslangen (Hass-)Liebe zu Hollywood abarbeitete. Die heroischen Erzählweisen, die zupackenden Helden wie John Wayne oder Gary Cooper bestimmten seine Jugend. Das Bild des Schwarzen fehlt als Identifikationsfläche – immerhin auf dieser Darstellungsebene beginnt sich langsam etwas zu ändern. (Dominik Kamalzadeh, 20.6.2017)

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