James Baldwin: "Ich hasse niemanden"

20. Juni 2017, 06:00
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Über den US-Autor, seine Politik der Gewaltlosigkeit und einen Besuch in Köln

Wien – James Arthur Baldwin war einer der bedeutendsten schwarzen Autoren Amerikas (1924-1987). Mehrfach hat er auch die Bundesrepublik Deutschland besucht, als der Rowohlt-Verlag seine Romane herausbrachte. 1974 stellte Baldwin den Roman Beale Street Blues in Köln vor, der in einer Startauflage von 30.000 Exemplaren auf den Markt kam.

Der zierlich wirkende, kleine Mann beantwortete die Fragen der Journalisten in freundlicher Gelassenheit, manchmal schlagfertig und trocken, nie aber arrogant. Sein Roman – eine Art Love-Story aus Harlem – trug wieder autobiografische Züge.

Vom Schuhputzboy zum Ritter

Baldwin war als Schuhputzboy aus Harlem losgezogen und nach Frankreich gegangen, wo er hochgeehrt als Ritter der französischen Ehrenlegion im Dezember 1987 starb. Oft schrieb er über das, was er gesehen und erlebt hatte. Go Tell It on the Mountain (1953), sein erster Roman, war die Geschichte seiner Jugend, der frühen Erfahrung einer Stigmatisierung als Schwuler und Schwarzer. Harlem und New York, der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, wurde für Baldwin zum Hauptthema seiner Bücher. Der Sohn eines Laienpredigers aus dem New Yorker Schwarzenghetto beschrieb diesen Konflikt immer wieder als Hölle, als Schmelztiegel von Hass und blinder Leidenschaft.

Bei seinem Besuch in Köln sagte er: "Ich glaube, dass die schwarz-weiße Rassenspannung wie ein Krebsgeschwür ist, das die Beziehungen der Menschen zueinander zerstört." Wie Martin Luther King, dessen Mitarbeiter er in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre wurde, setzte auch Baldwin auf das Prinzip der Gewaltlosigkeit als einzige Lösung für den Rassenkonflikt in den Vereinigten Staaten.

Als "weißer Neger" beschimpft

Mit dieser Haltung geriet Baldwin in schroffen Gegensatz zu den radikalen Gruppen schwarzer Amerikaner. Sie beschimpften ihn als "weißen Neger" oder als "Onkel Tom". Und Eldridge Cleaver warf ihm sogar "Hass auf die Neger" vor. Baldwin merkte man damals an, dass er nicht gern über diese Auseinandersetzungen sprach. Sein kurzer Kommentar: "Ich hasse niemanden, und ich glaube, Cleaver hat sich geirrt."

Anlass oder Hoffnung, dass sich das einmal ändern würde, sah Baldwin nicht. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Baldwin im Laufe der Jahre mit seinen Erfolgen als schwarzer Bestsellerautor zu einem Medienstar wurde.

Dass er gleichwohl für viele Amerikaner ein "black-listed man" blieb, musste er ausgerechnet auch bei seiner Buchvorstellung in Köln erleben. Obwohl die Amerikahäuser in Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München mit seinem Verlag Lesungen vereinbart hatten, wurden die Termine aufgrund einer Intervention der United States Information Agency kurzfristig abgesagt. Begründung: Die Amerikahäuser würden keine Verlagswerbung machen.

Merkwürdig allerdings die Tatsache, dass andere Rowohlt-Autoren – wie Robert Crichton oder C. W. Ceram – durchaus in den Amerikahäusern aus ihren Büchern lesen durften. Baldwin wollte immer als Literat gemessen werden. Jahrzehnte später schrieb die erste schwarze Nobelpreisträgerin Toni Morrison, Baldwin habe der amerikanischen Sprache ihre bösen Geheimnisse entrissen und sie mit Eleganz neu geformt. (Wolf Scheller, 20.6.2017)

Der Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" läuft jetzt im Kino.

Zum Weiterlesen

"I Am Not Your Negro": Die Angst, die Monster schafft

  • Demonstrationen für Bürgerrechte in den 1960er-Jahren: James Baldwin kehrte aus Paris in die USA zurück, um seinen Teil beizutragen.
    foto: polyfilm

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