Politische Mutprobe

Kolumne19. Juni 2017, 17:09
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Politiker, die sich zu ihrer sexuellen Orientierung offen bekennen, laufen nicht Gefahr, erpresst zu werden

Wer hätte gedacht, dass der neue Staatspräsident und starke Mann Serbiens, Aleksandar Vucic, die patriarchalische Gesellschaft des Balkanlandes, die mächtige orthodoxe Kirche sowie Teile seiner eigenen Regierungspartei mit der Ernennung einer lesbischen Ministerpräsidentin provozieren würde? Bereits die Bestellung der hochbegabten und sich offen als Lesbe bekennenden Finanzexpertin Ana Brnabic 2016 zur Ministerin für öffentliche Verwaltung und lokale Selbstverwaltungen sorgte für Aufregung. Die Ernennung der 41-jährigen, in den USA und Großbritannien ausgebildeten Quereinsteigerin zur Regierungschefin wird in einer Belgrader Boulevardzeitung sogar als eine "Revolution in der serbischen Geschichte" bezeichnet.

Da die Ernennung der kompetenten Frau diese Woche noch im Parlament bestätigt werden muss, könnte dieser überraschende Schachzug sogar für den erfolgsgewohnten Vucic durchaus gefährlich werden. Handelt es sich immerhin um ein Land, in dem der orthodoxe Patriarch 2014 Überschwemmungen als göttliches Warnzeichen vor Homosexualität bezeichnet hatte. Warum geht der Staatspräsident dieses Risiko ein? Erstens ist die parteilose Brnabic absolut loyal und eine Reformerin mit ausgezeichnetem Ruf. Ihre Ernennung sei vor allem eine "starke symbolische Botschaft nach außen" (so die Politologin Jelena Milic), also ein proeuropäisches Signal an die EU.

Es gibt ja gerade in dem wichtigsten EU-Land, nämlich in Deutschland, eindrucksvolle Beispiele dafür, dass sich Politiker, die sich zu ihrer sexuellen Orientierung offen bekennen, nicht Gefahr laufen, von innerparteilichen Rivalen oder gar von ausländischen Geheimdiensten erpresst zu werden. So war der sozialdemokratische Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der die Hauptstadt dreizehn Jahre lang regierte, immer stolz darauf, dass er vor seiner Nominierung auf dem SDP-Parteitag den berühmten Satz aussprach: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so."

Auch der 2016 verstorbene, langjährige und populäre FDP-Parteichef Guido Westerwelle, Außenminister und Vizekanzler (2009- 2013) unter Angela Merkel, bekannte sich offen zu seiner Homosexualität. Im Falle des beliebten Hamburger CDU-Bürgermeisters Ole von Beust (2001-2010) machte zuerst sein Vater in einem Interview die Homosexualität seines Sohnes öffentlich. Danach ging der Bürgermeister zunehmend offen mit dem Thema um. Im Nachhinein, sagte er später, hätte er es "mutiger und ehrlicher" gefunden, wenn er sich – wie Wowereit in Berlin – schon früher zur Homosexualität bekannt hätte.

Auch in Österreich zeigte eine Politikerin beispielhaften Mut: Ulrike Lunacek, die 60-jährige Spitzenkandidatin der Grünen und Vizepräsidentin des Europaparlaments, bekannte sich bereits 1980 zu ihrer Homosexualität und kämpft für die Gleichberechtigung für Lesben, Schwule, Intersex- und Transgenderpersonen. Die Teilnahme von 180.000 Personen an der 22. Regenbogenparade auf der Ringstraße zeigt auch wachsende Toleranz der Österreicher. Allerdings stimmt nur jeder dritte Österreicher einem Homosexuellen in der Spitzenpolitik (STANDARD / Datenpunkt 17.6.) oder in der eigenen Familie zu. (Paul Lendvai, 19.6.2017)

Weitere Kolumne von Paul Lendvai lesen sie hier.

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