50. Steirischer Herbst schaut zurück und verortet sich

19. Juni 2017, 15:16
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Zur Jubiläumsausgabe des Festivals fragt sich Intendantin Kaup-Hasler: "Where are we now?" Start ist am 22. September

Graz – Der Steirische Herbst findet in diesem Jahr zum 50. Mal statt. Blicke zurück, aber auch eine aktuelle Verortung des Festivals und der Gesellschaft, und die Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks "Kinder der Toten" drücken dem Programm den Stempel auf. Eröffnet wird das Festival am 22. September mit "to come (extended)" der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen in der Helmut-List-Halle.

Ihr letztes Intendantinnenjahr in Graz wollte Veronika Kaup-Hasler, die das Festival seit 2006 leitet, mit einer Frage bestreiten: "Where are we now?" stellte sie am Montag bei der Programmpräsentation in Graz in den Raum. Diese Frage könne nicht gestellt werden, ohne sich Gedanken darüber zu machen, "was hinter uns liegt und wie wir an diesem Punkt gelandet sind – oder wie es denn weitergehen könnte, künstlerisch und politisch". Die Frage umfasse "einen Moment des notwendigen Innehaltens ebenso wie die Orientierung als Voraussetzung für ein Weitergehen, Weitermachen, Handeln". Es werde um "Fragen, die das Handeln der Kunst selbstkritisch überprüfen und die wir nicht müde werden sollten, weiter zu stellen", gehen.

Ingvartsen und Jelinek

Die Eröffnung gestaltet die Dänin Mette Ingvartsen mit einer Performance, in der es um Erregungszustände geht, wie "herbst"-Dramaturg Martin Baasch erklärte. In "to come (extended") wird sie in einer neuen Version einer Inszenierung aus dem Jahr 2005 ihre Gruppe aus 15 Tänzerinnen und Tänzer in blaue Ganzkörperanzüge hüllen und Lustzustände inszenieren. In diesen wird Erregung einerseits radikal verlangsamt und andererseits energievoll beschleunigt. Der Bilderflut aus nackter Haut und expliziter Erotik werde ein abstraktes Bild entgegensetzt.

Als ein "Herzstück" des Steirischen Herbstes bezeichnete Kaup-Hasler die Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks "Die Kinder der Toten". Die Literaturnobelpreisträgerin hat ihren 666-seitigen Roman aus dem Jahr 1995, den sie selbst als "Gespensterroman" bezeichnet hat, für eine Umsetzung durch das US-Performancekollektiv Nature Theater of Oklahoma freigegeben.

"Es geht um eine Gesellschaft, die Schuld auf sich geladen hat und um die Toten, die sich ihren Weg zurück bahnen", umriss Kaup-Hasler den in der Obersteiermark angesiedelten Text. Das Künstlerduo Kelly Cooper und Pavol Liska geht dem Werk filmisch-performativ auf den Grund. Dabei fordern sie die ansässige Bevölkerung zur Beteiligung auf und machen die Dreharbeiten öffentlich zugänglich. 250 Personen hätten sich zu den Dreharbeiten, die bereits Anfang September beginnen, gemeldet. Ulrich Seidl plane den auf Super 8 gedrehten Film herauszubringen, wie Kaup-Hasler anmerkte. An den Festivalwochenenden soll der Roman zudem "dauergelesen" werden: Auch dazu können sich Interessierte als "Vorleser" melden.

Archiv über 50 Festival-Jahre

Als Festivalzentrum dient im Jubiläumsjahr das barocke Palais Attems in der Grazer Innenstadt: "Hier wird das Festival seit 1985 erdacht, erträumt und organisiert. Wir laden sozusagen zu uns nach Hause ein", sagte die Intendantin. Der Innenhof werde durch eine temporäre Überdachung zum zentralen Veranstaltungsort für Performances und Installationen. Innen können Besucher an Führungen durch das Festivalarchiv teilnehmen.

In die Geschichte des Festivals als Plattform für zeitgenössische Kunst wird man auch in der Ausstellung des Graz-Museums eintauchen können. Im Fokus stehe die gesellschaftspolitische Funktion des Festivals und seiner Kunstaktionen, Skandale und partizipativen Projekte. Ergänzend zur Ausstellung wird eine Publikation vorbereitet. Im Kunsthaus Graz werden Arbeiten der Architekturszene der späten 1960er-Jahre zu sehen sein, im Künstlerhaus wird die legendäre "Trigon"-Ausstellung aus dem Jahr 1967 in einen Bezug zur Gegenwart gesetzt und das HDA unterzieht die darin behandelten Themen Ambiente/Environment einer Aktualisierung.

Auf der Bühne des Grazer Orpheum begibt sich das Theater im Bahnhof gemeinsam mit der schwedischen Regisseurin Gunilla Heilborn auf die Suche nach verschiedenen Formen des Erinnerns ("The Wonderful and the Ordinary", ab 29. September). Im Schauspielhaus wird die in Lissabon lebende Choreografin Marlene Monteiro Freitas eine von Rhythmus, Bewegung und Musik getragene Bearbeitung von Euripides' "Die Bakchen" auf die Bühne bringen ("Bacchae – Prelude to a Purge", ab 6. Oktober). Die jungen österreichischen Performer Simon Mayer und Florentina Holzinger werden im Dom im Berg ihre neuesten Arbeiten zeigen. Als weitere Uraufführung steht eine Filmdoku über ein Ehepaar, das seit 30 Jahren sein Dorf bei Tschernobyl nicht verlassen hat ("Zwizdal", ab 10. Oktober), der belgischen Gruppe Berlin auf dem umfangreichen Programm des Festivals. (APA, 19.6.2017)

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