Gräserallergie: Neue Impfung bremst Immunsystem

    20. Juni 2017, 08:00
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    Heuschnupfen hat Hochsaison. An der Med-Uni Wien wird eine neue, allergenspezifische Immuntherapie entwickelt

    Alle Jahre wieder: Allergiker wissen es stets am Kitzeln in der Nase, wenn die Gräserpollen fliegen. Das menschliche Immunsystem ist ein ziemlich guter Wächter, wenn es um das Erkennen von fremden Eindringlingen geht. Das Problem: Das Immunsystem von Allergikern ist übereifrig, reagiert vollkommen unangemessen und identifiziert Gräserpollen als Feinde, obwohl sie an sich keine sind. Schnupfen, tränende Augen, Atemnot: Die Symptome sind variantenreich und in jedem Fall unangenehm.

    Trotzdem: Noch nie war Chefallergologe Rudolf Valenta von der Medizinischen Universität Wien so zuversichtlich wie zurzeit. Er ist auf dem Sprung nach Helsinki zum europäischen Allergologenkongress (EAACI), wo er die aktuellen Studiendaten für die in Wien entwickelte allergenspezifischen Immuntherapie vorstellen wird, eine Art Allergie-Impfung, die die Wiener Forscher zusammen mit dem Biotechunternehmen Biomay entwickelt haben. "Ich bin nicht nur optimistisch, sondern ganz sicher, dass wir nach 30 Jahren Vorarbeit eine Lösung für Allergiker gefunden haben", sagt Valenta.

    Falsche Einsatztruppe

    Dafür sind er und sein Team tief in die hochdifferenzierte Funktionsweise des Immunsystems eingetaucht und haben Schritt für Schritt die körpereigenen Abwehrstrategien analysiert. Sie sind am ehesten mit einer ausgeklügelten Kriegsstrategie vergleichbar: Das Immunsystem hat Wachtposten, Kommunikationseinheiten und verschiedene Truppen, die gegen Eindringlinge in den Kampf ziehen können. Kampf im allergologischen Kontext bedeutet immer eine Entzündungsreaktion, also der Versuch des Körpers, Fremdkörper zu erkennen, sie zu isolieren und dann aus dem System zu spülen – in Form von Rotz beispielsweise.

    Was Valenta herausgefunden hat: Das Immunsystem eines Allergikers ist nicht nur überaktiv, es nutzt auch die falschen Abwehrtruppen. Die Antikörper produzieren Immunglobuline Typ-E (IgE), die sich an die "Wächterzellen" des Körpers, die Mastzellen, anheften. Einmal sensibilisiert, sollen sie die Gräserpollen auch in der Folge immer wieder registrieren und melden.

    "Wir haben den Bauplan des allergieauslösenden Eiweißes in Gräserpollen entschlüsselt, gentechnisch verändert und damit entschärft", erklärt Valenta den ersten wichtigen Schritt in der Entwicklung des rekombinanten Vakzins. Das Geniale daran: Es wurde so modifiziert, dass diese Impfung nun die B-Zellen, ebenfalls Teil des Immunsystems, in Aktion ruft. Diese wiederum aktivieren die Immunglobuline vom Typ G (IgG), die es schaffen, IgE auszubremsen und damit die allergische Reaktion, die von den Mastzellen ausgeht, zu stoppen.

    "Wir fangen eine fehlgeleitete Immunantwort durch eine andere, bessere Immunantwort ab", bringt es Valenta auf den Punkt. Der zweite wichtige Entwicklungsschritt war die sogenannte "Peptide Carrier Fusion Vaccines"-Technologie, mit der man es geschafft hat, die B-Zellen und damit die IgG-Antikörper ins Spiel zu bringen. Dadurch habe die Impfung auch eine prophylaktische Wirkung, erklärt Valenta, man könne verhindern, dass Allergie überhaupt entsteht.

    Neue Hoffnung für Allergiker

    Warum das ein Kriterium ist? Weil eine Veranlagung zur Allergie schon im Kindesalter festgestellt werden kann. Eine allergische Sensibilisierung kann gleich nach der Geburt erfolgen und ist durch einen Bluttest feststellbar. Ob die Allergie dann ausbricht, wurde in einer Studie an einer Kinderkohorte beobachtet. Sensibilisierte Kinder wurden über zwölf Jahre jeweils mit vier, acht und 16 Jahren hinsichtlich einer Allergieentwicklung untersucht.

    Es gebe einen eindeutigen Zusammenhang, so Valenta, und das mache auch eine prophylaktische Impfung sinnvoll. "Die allergenspezifische Immuntherapie ist somit nicht nur zum therapeutischen Einsatz gedacht, sondern kann auch als Prävention eingesetzt werden."

    Valenta wird in Helsinki aber die neuen Ergebnisse seiner Studie an 300 Probanden präsentieren. "Es funktioniert", sagt er und bereitet sich für die Phase III, den entscheidenden Abschnitt vor der Marktzulassung, vor. Bisher sind keine Nebenwirkungen oder Begleiterscheinungen bei der Allergie-Immuntherapie aufgetreten. Innerhalb eines Jahres soll diese letzte Phase abgeschlossen sein.

    Der Plan sieht vor, dass die Allergie-Impfung in vier Teilen erfolgt und einmal jährlich aufgefrischt wird. Sämtliche andere Allergietherapien wie etwa die Sublinguale Immuntherapie (SLIT) werden abgelöst, schätzt Valenta. Die Erkenntnis, dass IgE-Antikörper der falsche therapeutische Ansatzpunkt sind, habe ihre Zeit gebraucht. Die Baupläne für Vakzine gegen Hausstaub und Tierhaare habe er bereits parat. Die Allergene sind anders, das Wirkprinzip der Impfung wird gleich sein. (Karin Pollack, 20.6.2017)

    Der Trick mit der Kreuzreaktion

    Es sind die spezifischen Eiweißkörper in einem Allergen, auf die das Immunsystem von Heuschnupfengeplagten zu heftig reagiert. "Wir haben vier Moleküle in Gräserpollen entdeckt, die das gesamte Spektrum abdecken", sagt Rudolf Valenta von der Med-Uni Wien und nennt die Kreuzreaktion als entscheidendes Phänomen, um die neue Allergie-Impfung überhaupt entwickeln zu können.

    Von Kreuzreaktion spricht man, wenn die gegen bestimmte Allergene gerichteten Immunglobulin-E-Antikörper (IgE) auch Allergene aus anderen Allergenquellen erkennen. Konkret erkennt IgE bestimmte Epitope auf Allergenen.

    Mitunter können sich Kreuzallergien auch in Form von Nahrungsmittelunverträglichkeiten äußern. So können Gräser- und Getreidepollen eine Kreuzreaktion mit Getreidemehl, Hülsenfrüchten, Tomaten, Bananen, Mangos, Melonen, Cashewnüssen und Pistazien auslösen.

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    • Gräserpollen sind die Feinde all jener, deren Immunsystem vollkommen überzogen darauf reagiert. 400 Millionen Menschen jeden Alters sind weltweit davon betroffen.
      foto: istockphoto

      Gräserpollen sind die Feinde all jener, deren Immunsystem vollkommen überzogen darauf reagiert. 400 Millionen Menschen jeden Alters sind weltweit davon betroffen.

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