Amazon stößt Neuordnung des Lebensmittelhandels an

18. Juni 2017, 18:24
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Nach dem Whole-Foods-Kauf erwarten Experten Preiskämpfe und weitere Übernahmen in USA

Wien – Vom Jäger zum Gejagten: In den 1990er-Jahren galt Walmart noch als größte Bedrohung für klassische Supermärkte. Damals stattete der US-Einzelhandelsriese seine Geschäfte mit Lebensmittelabteilungen aus, um die Kundenfrequenz zu erhöhen und so mehr Umsatz in profitableren Bereichen wie Bekleidung zu erzielen. Zwei Jahrzehnte später ist Walmart auch bei Nahrung mit einem Marktanteil von 25,3 Prozent Platzhirsch in den USA und wird nun selbst von mehreren Seiten angegriffen.

Ein Herausforderer ist der 1995 gegründete Onlinehändler Amazon, der das eigene Lebensmittelsegment mit dem angepeilten Kauf des US-Biopioniers Whole Foods um 13,4 Milliarden Dollar auffetten will. Obwohl sich Amazon damit bloß einen Marktanteil von 1,6 Prozent erwirbt und Whole Foods mit Imageproblemen – die Kette gilt als hochpreisig und abgehoben – zu kämpfen hat, sehen Experten darin den Anstoß zu einem neuerlichen Umbruch im 800 Milliarden Dollar schweren US-Lebensmittelhandel.

Herr über die Preisgestaltung

Jedenfalls erhöht Amazon in diesem Bereich mit dem Zukauf der 460 Whole-Foods-Geschäfte seine Reichweite, nachdem sich der Nahrungsmittelservice Amazon Fresh bisher auf große Ballungszentren beschränkte. "Wenn Amazon jene Größe erreichen kann, die es in diesem Bereich anstrebt, wird es kompromisslos die Preise dominieren", sagte Analyst Mark Hamrick vom Marktforscher Bankrate der Zeitung USA Today. Obwohl Amazon noch keine detaillierten Pläne für Whole Foods präsentiert hat, wird erwartet, dass die Kette zunächst ihr Preisniveau senken wird.

Damit droht in der Branche, die ohnedies mit dünnen Margen zu ringen hat, ein Dominoeffekt aus sinkenden Preisen und Übernahmen. "Ich denke nicht, dass dies der letzte Zukauf von Amazon sein wird", sagt Handelsexperte Rafael Romero vom Immobilienunternehmen Crec. Das Management habe begriffen, dass Online und Filialen zum Einzelhandel gehören – und man beides benötige.

Sammeln von Kundendaten

Zudem verweist Bankrate-Experte Hamrick auf das Geschick von Amazon im Sammeln von Kundendaten, die "im Lebensmittelhandel immer wichtiger werden". Zudem messen viele Branchenkenner wie Analyst Colin Sebastian von der Investmentfirma Baired & Company Amazon-Gründer Jeff Bezos eine große Weitsicht zu: "Wenn man so eine langfristige Perspektive hat und in Dekaden statt in Quartalen denkt, ist man bereit, Risiken einzugehen, vor denen andere Unternehmen zurückschrecken", sagte er der New York Times.

An der Börse ist der Kampf um den Platz an der Sonne längst entschieden. Mit 472 Milliarden Dollar ist Amazon mehr als doppelt so viel wert wie Konkurrent Walmart, obwohl dieser im Vorjahr mehr Gewinn erwirtschaftete als der Onlinehändler in der gesamten Firmengeschichte.

Mit der US-Expansion deutscher Diskonter bekommen beide zusätzliche Konkurrenz. Aldi plant, das Netz binnen fünf Jahren um 900 auf 2500 Filialen aufzustocken, und Lidl will innerhalb eines Jahres nach dem kürzlich erfolgten Marktstart 100 US-Geschäfte betreiben. Zudem verstärken auf Lebensmittelzustellung spezialisierte Unternehmen wie Fresh Direct oder Instacart den Konkurrenzdruck. Für Burt Flickinger, Chef des Beratungsunternehmens Strategic Resource Group, ist der Whole-Foods-Kauf daher sowohl offensiv wie defensiv zu sehen: Denn in Großbritannien wachse Amazon seit dem Lidl-Markteintritt deutlich langsamer. (aha, 18.6.2017)

  • Bisher ist der Lebensmittelservice Amazon Fresh  auf die Ballungszentren beschränkt.
    foto: getty images

    Bisher ist der Lebensmittelservice Amazon Fresh auf die Ballungszentren beschränkt.

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