Die Berge als Sehnsuchtsort in lateinischer Sprache

18. Juni 2017, 15:21
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William Barton hat frühe literarische Zeugnisse gefunden, die schon 300 Jahre früher als bisher angenommen die Schönheit der Alpen beschreiben

Innsbruck – Der überraschendste Fund im Rahmen des Forschungsprojektes war der Brief eines Schweizer Arztes an die britische Royal Society aus dem Jahr 1708. Darin erklärt der Verfasser auf Lateinisch, welche Gefahren, wie etwa das Abschmelzen der Gletscher oder die Erosion des alpinen Untergrundes, ein Klimawandel in den Alpen mit sich bringen würde. Denn gemeinhin vertraten viele Wissenschafter damals noch die Meinung, die Alpen wären ein lebenswerterer Platz, wenn die Temperaturen höher wären.

"Es ist für einen Ideengeschichtler natürlich das Größte, einen Essay zu den Folgen des Klimawandels zu finden, der 300 Jahre bevor das Thema überhaupt zum Politikum wurde, entstanden ist", sagt William Barton. Der britische Philologe untersucht seit 2011 am Ludwig-Boltzmann-Institut für Neulateinische Studien in Innsbruck das Bild der Berge in der lateinischen Literatur der frühen Neuzeit. Bartons Forschung, die mittlerweile unter dem Titel "Mountain Aesthetics in Early Montain Modern Latin Literature" auch in Buchform vorliegt, hat erstaunliche neue Erkenntnisse zur Wahrnehmung der Gebirge in der frühen Neuzeit hervorgebracht.

300 Jahre früher als gedacht

Bislang war man davon ausgegangen, dass die alpinen Gefilde erst ab dem 18. Jahrhundert in der damals neu aufkommenden ländersprachlichen Literatur eines Albrecht von Haller oder Jean-Jacques Rousseau zum Sehnsuchtsort wurden. "Es gab nur ein, zwei bekannte frühere Beispiele, wie etwa von Dante und Petrarca", sagt Barton. Doch seine Forschungen zeigen, dass die Menschen schon 200 bis 300 Jahre früher damit begonnen haben, sich für die Schönheit der Berge zu interessieren und darüber zu schreiben.

Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, war zu Beginn des Projektes Grundlagenforschung nötig. Barton und seine Kollegen machten sich auf die Suche nach lateinischer Literatur aus den Jahren 1300 bis 1800, in der die Berge Thema sind. Hinweise darauf fanden sich zum Teil in der ländersprachlichen Literatur ab dem 18. Jahrhundert. Doch viele Quellen mussten die Wissenschafter in mühevoller Recherchearbeit selbst in Bibliotheken aufstöbern. Google Books war ihnen dabei übrigens eine große Hilfe, da diese alten Bücher nicht mehr durch Copyrightbestimmungen geschützt sind.

Den Grund dafür, warum die neulateinische Literatur über Berge in Vergessenheit geraten war, beschreibt Barton so: "Die Berge waren ein sehr nationalistisch besetztes Thema, über das man lieber in der eigenen Sprache las und berichtete. Zudem hatten die Gelehrten dieser Zeit wenig Interesse an zeitgenössischer lateinischer Literatur und haben sie oft auch gar nicht mehr verstanden." Darüber hinaus seien viele dieser Texte bis heute gut versteckt und nur schwer zu finden gewesen. Barton erzählt von alten Büchern, die er in Bibiliotheken fand und die offenbar noch nie jemand gelesen hatte: "Bei einem Buch waren manche Seiten noch nicht aufgeschnitten. Ich musste in der Bibliothek nachfragen, ob ich sie auftrennen darf, um sie lesen zu können."

Als besonders ergiebig erwies sich der Fund von Briefen des Schweizer Arztes und Naturforschers Konrad Gesner, der im 16. Jahrhundert zu den größten Gelehrten seines Landes zählte. Barton war vom Stil, in dem Gesner über die Berge berichtete, beeindruckt: "Die Art und Weise, wie er von seinen Erlebnissen erzählte, war für diese Epoche bis dato unbekannt." Gesner schrieb von überwältigender Aussicht und großartigem Essen in den Bergen, das ihm von den Einheimischen serviert wurde.

Bislang war man davon ausgegangen, dass das Bild der Berge in dieser Zeit ein eher düsteres war. Das Gebirge galt als unwirtlicher Platz mit vielen Gefahren für Leib und Leben. Der Wandel dieses Bildes lässt sich aus den gefunden Texten ablesen, erklärt Barton: "Sie waren überrascht von der Schönheit und Vielfalt der Flora dieser Landschaft."

Man könne in der Folge durchaus von einer Urform des alpinen Tourismus sprechen, meint der Wissenschafter. Waren die Alpen bis dahin ein unheimliches Hindernis auf dem Weg zwischen Norden und Süden, so wurden sie nun plötzlich selbst zum interessanten Reiseziel. (Steffen Arora, 18.6.2017)

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