Autriche en Marche

Userkommentar19. Juni 2017, 09:36
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Wer sich im Lauf des Wahlkampfs am meisten individuell weiterentwickelt, wird am Ende als Sieger hervorgehen. Die Zeit der politischen Zaubertricks und Showeinlagen ist vorbei

Emmanuel Macrons Siegeszug in Frankreich mit seiner Bewegung aus dem Volk ließ bei der Präsidentschaftwahl die etablierten Parteien inklusive des Front National alt aussehen. Auch der lange befürchtete Rechtsruck blieb aus, und viele Franzosen entschieden sich, sich Macrons Bewegung anzuschließen, um aktiv die Politik mitzugestalten. Sonntagabend holte La République en Marche – bei niedriger Wahlbeteiligung – die absolute Mandatsmehrheit bei der Parlamentswahl.

Ein Kernmotiv von vielen der neuen und noch jungfräulichen Politeinsteiger war die Unzufriedenheit mit der antiquierten Kaste an Politikern, die sich mehr um sich selbst und die Interessen bestimmter Lobbys kümmerte, anstatt frei nach Martin Luther dem Volk aufs Maul zu schauen. Dies schaffte zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der neue französische Präsident, dem es rasch in seiner bis dato kurzen Amtszeit gelang, an Profil und Gewicht zu gewinnen. Sogar neben erfahrenen internationalen Schwergewichten wie Wladimir Putin machte er eine "Bella Figura" und ließ sogar seine Muskeln spielen, indem er gegenüber Russland klarstellte, was ihm nicht passt. Diese Souveränität und Selbstsicherheit haben ihm nun die Wähler ein weiteres Mal gedankt.

Österreichs Macron?

Der Erfolg des französischen Präsidenten war es, die Wähler zu begeistern und sie in seine Bewegung einzubinden, sprich sie zu einem Teil dieser werden zu lassen. Hier geht es stark um Identifikation mit dem Kandidaten und dessen Zielen sowie um Motivation der Wähler als auch der eigenen Funktionäre als sprichwörtliche Fühler zu erstgenannten.

Die kommenden Nationalratswahlen in Österreich sind so offen wie noch nie. Glaubt man den Demoskopen so haben sich drei Kandidaten und deren Bewegungen im Rennen um die Funktion des Bundeskanzlers platziert. Welche Plätze nun Christian Kern, Sebastian Kurz oder Heinz-Christian Strache belegen werden, ist nicht seriös vorhersagbar. Alle haben die Chance auf Platz eins und damit verbunden kann auch jeder auf dem dritten Platz landen. Nun handelt es sich bei den Wahlen in Österreich aber nicht um ein Pferderennen, bei dem Wetten abgegeben werden, sondern um eine essentielle Richtungswahl um die Zukunft Österreichs. Jeder der Kontrahenten hat bestimmte Potenziale und auch Entwicklungschancen. Gleichzeitig besteht aber auch das Risiko des "zu hoch gehandelt Werdens".

Potenziale und Entwicklungschancen

Wer sich im Lauf des Wahlkampfs am meisten individuell weiterentwickelt und seine Stärken zum Einsatz bringt, wird am Ende als Sieger hervorgehen. Hier geht es auch sehr stark um Empathie und das Erkennen der Bedürfnisse der Menschen. Reine politische Pläne ob "Plan A" oder "Plan Kurz", sowie das Plakatieren von schmissigen Parolen wird bei weitem nicht ausreichen. Die Österreicher wollen eine Veränderung und eine Weiterentwicklung im Staat. Nur derjenige der es schafft, dieses Potenzial glaubwürdig auszustrahlen und seine Partei beziehungsweise eine breite Bewegung um sich zu scharen, kann erfolgreich sein. Die Zeit der politischen Zaubertricks und Showeinlagen ist vorbei. Hier werden weder NLP, noch das Spielen von Feindbildern, externe Berater oder Agenturen mehr ausreichen.

Kern wird sich auf seine Stärken als Unternehmensführer und ÖBB-Boss besinnen müssen und die gesamte Sozialdemokratie über die Gewerkschaft bis hin zu den kleinsten Bezirksorganisationen hinter sich vereinen und ihr eine unverwechselbare Identität geben müssen, will er seine Position als Kanzler behalten. Strache wird sich unabhängig von einem neuen Look mit Brille neu erfinden müssen, will er eine ernsthafte Chance im Rennen um Platz eins von einem Basiswert von 20,5 Prozent bei den letzten Wahlen haben. Kurz wird sich auch nicht auf seinen Umfrage-Lorbeeren ausrasten können. Er wird demonstrieren müssen, dass hinter der neuen Volkspartei auch ein neues System fernab von Interessensvertretungen steckt. Am Ende wird jener gewinnen, der am wenigsten eine Rolle spielt. (Daniel Witzeling, 19.6.2017)

  • Holte bei der Parlamentswahl die absolute Mehrheit: Macrons Bewegung "La République en Marche"
    foto: ap/francois mori

    Holte bei der Parlamentswahl die absolute Mehrheit: Macrons Bewegung "La République en Marche"

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