Gesellschaft ohne "Moral", aber mit "Werten" – geht das?

Userkommentar20. Juni 2017, 10:29
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Zu einem unaufgelösten Grundwiderspruch der Moderne. Eine Ergänzung zum STANDARD-Interview mit Andreas Urs Sommer

Wer heutzutage auch nur im Verdacht steht, so etwas wie eine allgemein verbindliche "Moral" zu predigen, macht sich unweigerlich zur Zielscheibe. Der Ausdruck "Moral" fungiert beinahe wie ein Schimpfwort. So zu sehen beispielsweise im STANDARD-Forum bei bestimmten Reizthemen wie Veganismus oder Klimaschutz. Regelmäßig beschweren sich manche Poster, dass hier die einen den anderen ihre "Moral" "aufzwingen" wollten. Moral sei – ebenso wie Religion – "Privatsache", wird einem erklärt.

Gleichzeitig sind sich alle auf einmal sehr wohl über eine allgemein verbindliche Moral einig, an die sich die Einwanderer zu halten hätten. Freilich wird es hier nicht "Moral" genannt, sondern man redet auf einmal von "Werten".

Moral und Moderne

Hier könnte die Antwort auf Andreas Urs Sommers Erstaunen darüber liegen, dass der Begriff "Werte" derzeit so hohe Konjunktur habe. Nun, man gebraucht das Wort "Werte" deshalb, weil niemand mehr so gerne im öffentlichen Diskurs das Wort "Moral" in den Mund nimmt.

Was indes hinter diesen Selbstwidersprüchen von vergleichsweise jungen Debatten steckt, die sich an Themen wie Veganismus oder Immigration entzünden, ist ein durchaus älteres und tieferes Dilemma, ein Erbe der Aufklärung.

Erbe der Aufklärung

Deren Motto war: Wir zerstören die traditionelle Moral, das heißt, wir zerstören die Moral, die religiös war, die auf den Glauben an Gott begründete Moral. Aber worauf gründen wir dann die Möglichkeit von Ethik, die Regeln unseres Zusammenlebens, Normen aller Art?

Doch sogar der erklärte Anti-Moralismus hatte das Problem, immer wieder selbst von der Moral eingeholt zu werden. Die leidenschaftlichsten Tiraden Nietzsches gegen die Moral triefen ja in gewissem Sinne von Moral. Und auch die Gesellschaftskritik des marxistischen Materialismus, der Moral als eine bloße Ideologie im Dienste der herrschenden Klassen abtut, enthält, ohne sich dieses Widerspruchs bewusst zu sein, gleichzeitig doch eine gewaltige moralische Doktrin.

Wir alle moralisieren ständig …

So unbeliebt der Ausdruck auch ist, so viele nun auch vehement abstreiten würden, dass sie das tun: Wir moralisieren alle, ununterbrochen, im Alltag. Wir treffen andauernd Unterscheidungen zwischen "gut" und "böse". Das bloß zur "Privatsache" zu erklären ist unmöglich. Unsere moralischen Urteile erstrecken sich niemals nur auf uns selbst, sondern automatisch immer ebenso auf andere oder gar auf die ganze Gesellschaft. Das geht auch nicht anders, und zwar, weil das unabdingbar zum Menschen dazugehört. Was man nur feststellen kann, das ist der Unterschied zwischen denen, die sich dessen bewusst sind, dass sie moralisieren, und denjenigen, die sich dessen nicht bewusst sind.

… und gerade heutzutage erst recht wieder

Dass man ohne Moral nicht so leicht auskommt, haben selbst die Erben der gegen die als bürgerlich codierte Moral rebellierenden 68er-Generation merken müssen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass heutzutage gerade auf der linken Seite eine neue moralisierende Strömung aufblüht. Und diesen Grund mag es auch haben, dass die Grünen sich in das verwandelt haben, was man kritisch als "Verbotspartei" bezeichnet. Freilich vermeidet man das Wort "Moral" und gebraucht ebenso wenig die gleichfalls als überkommen angesehenen Ausdrücke "gutes Benehmen" und "Anstand". Was früher der Knigge oder der Elmayer waren, dem entsprechen aber heute die Diskurse über politische Korrektheit und Gender-Gerechtigkeit. Zwar sagt hier niemand, er sei "moralisch". Allerdings ist man gegen "Rassismus" und "Sexismus", als Veganer unter Umständen auch gegen "Speziesmus".

Und wir rebellieren auch wie eh und je dagegen …

Erst vor diesem Hintergrund werden freilich manche Widerstände gegen die Political Correctness und das Gendern erklärlich. Keineswegs entspringen diese bloß einem Konservatismus. Es sind durchaus auf der rebellischen Linie der Tradition der Moderne liegende Impulse gegen die Verordnung von Moral, wenn man sich weigert, das Rauchen einzuschränken, ein Binnen-I zu setzen oder eine Frauenquote zu erfüllen. Und freilich ist auch dieser Widerstand gegen die Moral seinerseits sehr moralisierend. So geht das fortwährend im Kreis. Wir haben es hier mit einer jener merkwürdigen gesellschaftlichen Doppelbewegungen zu tun, die seit der Aufklärung kennzeichnend für die europäischen Zivilisationen sind. Denn wenigstens so lange schon gibt es den Machtkampf um die Kontrolle der "Moral", und nicht erst, seitdem es Veganer oder Massenimmigration gibt. (Ortwin Rosner, 20.6.2017)

Ortwin Rosner, Jahrgang 1967, abgeschlossenes Studium der Germanistik und Philosophie in Wien, Diplomarbeit 2003 bei Professor Wolfgang Müller-Funk mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann", erschienen 2006 im Peter Lang-Verlag; lebt als Schriftsteller in Wien.

Zum durch und durch moralischen Veganer hat er es noch nicht geschafft, aber immerhin so recht und schlecht zum halbwegs moralischen Vegetarier.

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