Wie krank die Digitalisierung macht

    Gastkommentar19. Juni 2017, 08:00
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    Angst, Überforderung, Verlust der Orientierung, des Menschlichen: drei Impulsgeber für Erkrankungen

    Industrie 4.0. Ein Begriff, der aus der Industrie um Siemens geboren wurde und dessen Bedeutung für viele Menschen wohl immer noch nicht so ganz schlüssig ist, wie das die Realität im Hintergrund bereits abbildet.

    Die logische Konsequenz aus dem Einsatz von Computern und der ständigen Weiterentwicklung von schnelleren Rechnern, mehr und besseren Algorithmen, besseren Messsystemen und fortschreitender Digitalisierung inklusive von Maschinen durchgeführter Arbeitsschritte: Ein immer schnellerer und dichterer Datenfluss, Vernetzung von immer mehr Systemen und eine radikale Globalisierung stellen uns vor noch nie dagewesene Herausforderungen.

    Die Forschungseinrichtungen zeigen kassandraartige Zukunftsszenarien in rascher Abfolge auf, wie: "Viele Arbeitsplätze werden bald verschwinden" oder "Es werden sich völlig neue Arbeitsmöglichkeiten entwickeln, und wer sich nur brav auf lebenslanges Lernen und hohe Flexibilität einlässt, dem/der blüht eine gute Zukunft in der neuen Arbeitswelt als Allrounddienstleister oder völlig neuen Berufsgruppen, an die wir heute noch gar nicht denken".

    Der Grad der Verunsicherung steigt mit der Menge der Auguren und deren sehr unterschiedlichen Prognosen. Für die Betroffenen (und hier finden wir uns wohl alle wieder) gibt es kaum Haltegriffe, die Sicherheit in die mittelbare Zukunft anbieten können. Sich hier eine eigene Meinung bilden zu können ist schlichtweg eine Überforderung, und so reagieren die meisten Menschen eher ängstlich oder mit Verdrängung auf die drohende unklare und unsichere Entwicklung der digitalen Gewitterwolke am Arbeitshorizont.

    Starke Verunsicherung

    Hierin finden wir den ersten Impulsgeber für Erkrankungen, ausgelöst durch psychische Belastungen, wie Mangel an den benötigten Informationen, Hilflosigkeit und Zukunftsangst.

    In all den Unternehmen, in denen ich derzeit tätig bin, ist diese ungewisse digitalisierte und von computergesteuerten Maschinen beherrschte Zukunft ein stetiges Thema, speziell bei den Menschen, die bereits ahnen können, dass auch ihre Arbeitsplätze bald durch Maschinen abgedeckt sind.

    Die Idee, dass Menschen, die solche Arbeiten ausüben, leicht oder überhaupt in der Lage sein sollen, sich einfach besser zu qualifizieren oder völlig andere Berufe ausüben zu können, ist schlichtweg überfordernd für jene Menschen, die ja nicht ganz ohne Grund in genau diesen Berufen gelandet sind.

    Wenig Zukunft im bisherigen Job, wenig Berührung mit Weiterbildung, Verunsicherung durch einander widersprechende Informationen und die fortschreitende Übernahme der Arbeitsschritte durch Maschinen in den Produktionsstätten sind der Keim bereits beginnender Ängste, die wie eben immer aus der Psyche heraus irgendwann die Resilienzgrenzen überschreiten und physische Auswirkungen zeigen werden.

    Nur wenige Maschinenarbeiter werden in der Lage sein, die Maschine, die sie ersetzt hat, auch noch zu programmieren. Die vielen unfreiwilligen Arbeitslosen der Zukunft werden dann schon an der mangelnden Tagesstruktur krank, wie die Beispiele aus dem Bereich der Langzeitarbeitslosen zeigen.

    Beschleunigung bis zur Belastungsgrenze

    Der zweite Impulsgeber zeigt sich in den Berufsfeldern, in denen die Digitalisierung schon angekommen ist. Maschinen werden eingesetzt, um schneller, genauer und kostengünstiger zu produzieren. Je mehr Maschinen, umso weniger Menschen gibt es in den produktiven Abläufen, und die verbliebenen werden durch die schnelleren Maschinen mitbeschleunigt. Die Beschleunigungskapazität der Menschen ist in vielen Bereichen aber ohnehin bereits auf der anderen Seite der Belastungsgrenze angekommen, hier noch einmal an den Schrauben zu drehen wird die bereits stark angestiegene Zahl der "Burnout"-Fälle noch einmal kräftig nach oben schrauben.

    Die Milliardenumsätze der Pharmaindustrie werden steigen, allerdings ohne für mehr Menschen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zwischenzeitlich bringt die Digitalisierung in manchen Bereichen mehr, verdichtet Arbeit und zwingt zum Einziehen vieler neuer Kontrollsysteme. An solchen Mensch-Maschine-Schnittstellen sitzen Leute, die vor zig Bildschirmen einer Überwachungstätigkeit nachgehen und immer das Damoklesschwert über dem Kopf haben, weil sie ja immer in Alarmzustand sind und quasi auf den "Notfall" warten.

    Es ist vielfach belegt, dass solche Bereitschaft – bei Ärzten, bei Piloten etwa – zu verminderten oder keinen Tiefschlafphasen führt. Das macht auf die Dauer krank.

    Die Digitalisierung beschleunigt die Restmenschen in Unternehmen noch einmal – sie sind aber relativ leicht zu tauschen, der Pool ist ja groß genug.

    Angst, Überlastung und Präsentismus

    Der dritte Impulsgeber ergibt sich aus der bereits angekommenen Digitalisierung und der dadurch vermehrten Algorithmen-Verarbeitungsmöglichkeit. In der Industrie zeigt sich im Bereich der Verwaltung eine massive Zunahme von Reportings, Berichten und von viel mehr Steuerungskontrollen. Aber auch hier ist die Anzahl an Menschen sehr überschaubar, was zu einer wesentlich höheren Belastung der nach mehreren Abbaumaßnahmen verbliebenen Verwaltungseinheiten führt.

    Ich habe im letzten Jahr mehr mit Menschen über deren Ausstiegswünsche gesprochen als über sonstige Problemlagen. Dies ist ein sehr lautes Alarmsignal, allerdings kommt es in den Führungsetagen kaum an. Angst, Überlastung und Präsentismus gehen hier eine unheilvolle Verbindung ein.

    Menschen, die mit Stresshormonen vollgepumpt sind, verlieren ja nicht nur das Gefühl für den eigenen Organismus, sondern erst recht auch für die anderen Menschen, was viele zusätzliche soziale Problemkreise erzeugt.

    Und als unbedingt zu erwähnender vierter Regelkreis wirkt die fortschreitende Digitalisierung des Privatlebens als zusätzlicher Verstärker und Verlustbringer von dringend notwendiger Erholung.

    Fernseher, Facebook & Co sind Spannungsgeber, auch wenn sie sich als Entspannungsmöglichkeiten verkleiden. Die Zukunft der Arbeitswelt müsste also wieder auf den Menschen zugeschnitten werden, derzeit allerdings scheinen Computer und Maschinen das Rennen zu machen. (Johann Beran, 19.6.2017)

    Johann Beran ist klinischer Psychologe und Arbeitspsychologe in Wien.

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      "Die Digitalisierung beschleunigt die Restmenschen in Unternehmen noch einmal" – das könne auf Dauer krank machen, warnt Psychologe Johann Beran.

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