Nachwuchsfußball: "Man erlebt wildeste Szenen"

    Interview18. Juni 2017, 08:55
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    In Spanien wurde ein Trainer nach einem 25:0-Sieg beurlaubt. Rapid-Nachwuchs-Scoutingkoordinator Vinzenz Jager ist überrascht. Er erzählt von sich prügelnden Eltern, ehrgeizigen Trainern und dem Umgang mit Niederlagen

    STANDARD: In Spanien wurde der Fußballtrainer einer U11 beurlaubt, weil seine Mannschaft 25:0 gewonnen hatte. Man dürfe nicht zulassen, dass der Gegner derart gedemütigt wird. Ist das nachvollziehbar?

    Jager: Nein, das ist eher kurios und klingt nach einem Vorwand. Vielleicht wollte sich auch ein Abteilungsleiter profilieren und ein starkes Wertesystem transportieren. Dann wäre der Marketinggag aufgegangen – auf Kosten einer arbeitenden Person.

    STANDARD: Gibt es im Jugendfußball einen Ehrenkodex?

    Jager: Nein, in Österreich wäre mir noch keiner zu Ohren gekommen. Man muss sich aber schon die Frage nach dem sportlichen Wert einer solchen Partie stellen. Für die Sieger ist es keine Herausforderung, den Verlierern wird der Spaß verdorben. Niemand entwickelt sich weiter.

    STANDARD: Kann man einen zweistelligen Sieg überhaupt feiern?

    Jager: So ein Sieg macht vielleicht zwischendurch Spaß, man kann Selbstvertrauen aufbauen. Auf lange Sicht suchen die Kinder eine angemessene Herausforderung, sie wollen an die Grenzen gehen. Wenn sie merken, es geht mit 50 Prozent, ist es auch nur halb so lustig.

    STANDARD: Welche Bedeutung haben Ergebnisse bei den Kleinen?

    Jager: Die Freude am Spiel steht im Vordergrund. Im Wiener Verband gibt es bis zur U10 weder Ergebnisse noch Tabellen. Der Leistungsdruck wird damit reduziert, an und für sich eine gute Idee.

    STANDARD: Sie klingen nicht ganz überzeugt.

    Jager: Die Kinder sind doch schlau, die wissen schon, wie die Spiele ausgehen. Und Fußball ist ein Wettkampf, es geht um Gewinnen und Verlieren, das kann man nicht negieren. Man muss keine heile Welt vorgaukeln.

    STANDARD: Wie könnte man alternativ den Leistungsdruck nehmen?

    Jager: Es geht um den Umgang mit Ergebnissen. Der Gewinner ist nicht der König, für den Verlierer geht die Welt nicht unter. Das muss man den Kindern vermitteln, es braucht eine gewisse Lockerheit. Zu einem guten Trainer gehört eben nicht nur Fachkompetenz, sondern auch pädagogisches und soziales Gespür.

    STANDARD: Wo sollte man ansetzen?

    Jager: Zunächst muss man die Leistung des Gegners anerkennen. Dann gilt es, einen positiven Nutzen aus dem Spiel zu ziehen und den nächsten Entwicklungsschritt zu setzen. Die unterlegene Mannschaft ist diesbezüglich im Vorteil, ihr wurde das Verbesserungspotenzial deutlicher aufgezeigt.

    STANDARD: Wie schmerzvoll empfinden Kinder Niederlagen?

    Jager: Die Kinder verkraften es. Meistens ist es für die Eltern schlimmer. In Österreich erlebt man die wildesten Szenen.

    STANDARD: Und zwar?

    Jager: Handgreiflichkeiten unter Eltern, Beschimpfungen des Schiedsrichters. Oft unter dem Einfluss von Alkohol. Das sind keine Einzelfälle, ich habe das schon häufig miterlebt.

    STANDARD: Woher kommt der übertriebene Ehrgeiz mancher Eltern?

    Jager: Einige betrachten das Kind als Pensionsvorsorge, hoffen, dass der Nachwuchs entdeckt wird. Kinder werden nicht selten Projektionsfläche der Eltern. Für die Kinder kann das sehr unangenehm werden, vor allem wenn der Erfolg ausbleibt und Erwartungen nicht erfüllt werden. Dann leidet das Selbstwertgefühl massiv, dann steht die Persönlichkeitsentwicklung vor einem Problem.

    STANDARD: Und wie ist es um die Selbsteinschätzung der Kinder bestellt?

    Jager: Eine korrekte Einschätzung entsteht durch die Konkurrenz. Spielt man irgendwann gegen Nachwuchs aus einem Leistungszentrum, geht einem schnell ein Licht auf. Dann ist man nicht mehr der King aus dem Schulhof. Da muss dir kein Trainer erklären, wo du stehst.

    STANDARD: Stichwort Nachwuchstrainer. Wie verantwortungsvoll gehen die mit Ihrer Arbeit um?

    Jager: Man muss differenzieren, es gibt solche und solche. Problematisch ist aber das Spannungsverhältnis zwischen persönlichem Erfolg und einer kindgerechten Förderung. Die meisten Trainer geben sich mit ihrer Position nicht zufrieden, wollen eine Altersklasse aufsteigen. Das U14-Traineramt an einer Akademie ist oftmals ein Nebenjob, ein U15-Trainer ist Profi.

    STANDARD: Wie wirkt sich das aus?

    Jager: Es wäre gut, allen Spielern im Nachwuchs eine Einsatzzeit zu garantieren. Wenn der Trainer seinen Erfolg aber über den Erfolg der Mannschaft definiert, und das ist die Regel, wird es nicht dazu kommen. Da es kein entsprechendes Reglement gibt, bleiben Sanktionen aus.

    STANDARD: Sie wünschen sich also mehr Kontrolle im Nachwuchsbereich?

    Jager: Ja, allgemein sollte viel mehr darauf geachtet werden, wie Trainer mit Kindern umgehen. Nicht selten sehe ich Trainer, die cholerisch sind und fortwährend die Kinder anschreien. Das ist den Kindern nicht zuzumuten und müsste stärker reguliert werden.

    STANDARD: Welche Erfahrungen haben Sie selbst als Kind gemacht?

    Jager: Wir haben in der U12 einmal zweistellig verloren. Als wir anschließend in der Kabine gesessen sind und uns unterhielten, fragte der Trainer, wie wir nach einer Niederlage lachen könnten. Ich dachte nur: Warum sollten wir nicht? Ich ging nach Hause, machte mir was zum Essen und hielt einen Mittagsschlaf. Es war ein guter Tag. (Philip Bauer, 18.6.2017)

    Vinzenz Jager (32) aus Dresden ist DFB-A-Lizenztrainer und Nachwuchs-Scoutingkoordinator bei Rapid Wien. Er ist Mitbegründer und Sportlicher Leiter von footballsummerschool.com und footballschool.at. Taktikanalysen für den STANDARD schrieb er auch schon.

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      foto: footballsummerschool.com

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