Zweigleisig im digitalen Universum: ÖBB rüstet Fahrplanangebot auf

17. Juni 2017, 11:00
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Bundesbahn übernimmt iMobility samt Mobilitäts-App wegfinder.at zur Gänze

Wien – Die ÖBB rüstet ihr digitales Fahrplanangebot auf. Die Staatsbahn will das vor zwei Jahren mit dem größten heimischen Start-up-Finanzierer, Speedinvest, gegründete Vehikel iMobility samt seinem Mobilitätswegweiser wegfinder.at zur Gänze übernehmen.

Der Deal soll laut STANDARD-Recherchen spätestens in der Aufsichtsratssitzung Anfang Juli über die Bühne gehen. Viel Geld dürfte dabei an die Speedinvest-Aktionäre allerdings nicht mehr fließen, denn der Großteil des Investments erfolgte bereits im Zuge der Kapitalerhöhung im Vorjahr, die mit der Erhöhung des ÖBB-Anteils von 25 auf 49,9 Prozent einherging.

In ÖBB-Aufsichtsratskreisen wird das ÖBB-Investment in iMobility auf bis zu vier Millionen Euro taxiert. Bis wegfinder.at den Break-even erreicht, könnten es laut dem ursprünglichen Businessplan auch sechs bis acht Millionen werden, sagen ÖBB-Insider. Speedinvest verfügte über Put-Optionen, die die Übergabe von Geschäftsanteilen an die ÖBB auf Basis von App-Downloads und User-Zahlen vorsah. Diese seien nun erreicht, daher die fahrplanmäßige Übernahme, schilderte ein Kapitalvertreter im ÖBB-Aufsichtsrat den Deal.

Kein ÖBB-Kommentar

ÖBB-Sprecherin Christine Stockhammer will diese Zahlen ebenso wenig kommentieren wie die bevorstehende Übernahme. Die Wegfinder-App zeige verfügbare Verkehrsmittel in der Nähe des Standorts des Nutzers an, von der Haltestelle bis zum nächsten Taxi, Carsharing-Fahrzeug oder verfügbaren Fahrrad, zählt Stockhammer auf. "wegfinder.at kombiniert erstmals in dieser Form den öffentlichen Nah- und Fernverkehr mit dem Individualverkehr in ganz Österreich."

In dem für Personenzüge und das Busgeschäft zuständigen Teilkonzern ÖBB-Personenverkehr war die Freude über die direkt der strategischen Leitgesellschaft ÖBB-Holding angedockte iMobility stets überschaubar, konkurriert der App-Hersteller doch mit dem hauseigenen Fahrplan-Butler Scotty. ÖBB-Fahrkarten können dort allerdings nicht gebucht werden. Der Kunde wird lediglich zum ÖBB-Dienst Scotty gelotst, wo er dann Tickets kaufen kann.

Umweg zu ÖBB-Tickets

Wegfinder-Geschäftspartner erklären den Umweg mit Provisionen, die für die Vermittlung von Kunden anfällt. Diese an ihre Konzernschwester iMobility zu bezahlen, weigere sich die ÖBB-Personenverkehr AG. Konkurrent Westbahn zahlt an die Anfang April von Nextstopp auf Wegfinder umbenannte App und verfügt so – wenn auch über zusätzliche Klicks – über einen direkten Kanal. ÖBB-Tickets würden über wegfinder.at künftig sehr wohl erhältlich sein, kündigt die ÖBB-Sprecherin an.

iMobility-Sprecher Leonard Weitze versichert, dass die Ticketbuchung für möglichst viele Anbieter selbstverständlich zu den Zielen von wegfinder.at gehöre: "Wir sind aber noch nicht so weit, dass wir Tickets abbilden können", räumt er auf Anfrage des STANDARD ein. Fragen zu Geschäftsmodell und -verlauf verweist er an den künftigen Mehrheitseigner. So richtig rund dürfte es zuletzt nicht gelaufen sein, seit der Gründung hat iMobility vier Geschäftsführer verschlissen. Von Nochmehrheitseigentümer Speedinvest II Euveca GmbH & Co KG war am Freitag keine Stellungnahme zu erhalten.

Konkurrenz für Scotty

Dass wegfinder.at eine direkte Konkurrenz für den ÖBB-Scotty darstelle, wie Kritiker anmerken, stellt ÖBB-Sprecherin Stockhammer in Abrede. Vielmehr ergänzten die beiden Mobilitätsplattformen einander, sie würden parallel betrieben. Scotty biete reine Fahrgastinformation im öffentlichen Verkehr, Wegfinder hingegen fokussiere nicht allein auf Öffis, sondern sei eine multimodale Mobilitätsplattform, die Information und Ticketverkauf verschiedenster Verkehrsträger kombiniere.

ÖBB-Aufsichtsräte schildern die Zukunft des unter dem nunmehrigen Bundeskanzler Christian Kern gestarteten Start-ups anders: Der größere und gut etablierte Scotty mit 1,3 Millionen aktiven Usern und mehr als vier Millionen Downloads werde unter dem Dach der ÖBB früher oder später in wegfinder.at integriert. So gingen keine Scotty-Kundendaten außer Haus. (Luise Ungerboeck, 17.6.2017)

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