Nach Brand in London: Demonstranten stürmen Rathaus

Video16. Juni 2017, 19:24
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Die Wut in Nord-Kensington nimmt zu – Zusammenstöße mit Sicherheitskräften – Queen besuchte Unglücksstelle

Nach der Brandkatastrophe in London haben dutzende wütende Demonstranten am Freitag ein Bezirksrathaus in der britischen Hauptstadt gestürmt. "Wir wollen Gerechtigkeit", "schämt Euch!", "Mörder!", riefen die Demonstranten, als sie das Rathaus der Stadtteile Kensington und Chelsea stürmten, wie Reporter berichteten. Im Eingangsbereich des Gebäudes kam es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften.

Königin Elisabeth II. besuchte am Freitag die Unglücksstelle in Westlondon, wo der Grenfell Tower ausbrannte. Das Inferno forderte mindestens 30 Menschenleben, korrigierte die Polizei die Zahl nach oben. Das erste Opfer wurde mittlerweile identifiziert, es handelt sich um einen syrischen Flüchtling. Die Zahl der Toten kann sich noch deutlich erhöhen, wenn die Bergungsarbeiten beginnen können.

Tags zuvor war Premierministerin Theresa May in Nord-Kensington erschienen, hatte sich aber nur mit Rettungskräften unterhalten wollen und darauf verzichtet, Anwohner und Betroffene zu treffen – aus Sicherheitsgründen, wie Downing Street verlautete. Das trug May viel Kritik ein. Sie solle doch "Humanität zeigen", drängte ihr Parteifreund Michael Portillo.

Keine Gespräche mit Hinterbliebenen

May verzichtete auf den Kontakt mit den Hinterbliebenen, weil sie sich ausrechnen konnte, was sie zu hören bekommen hätte. Die Wut in Nord-Kensington wächst. Die Menschen sind empört, weil sie sich im Stich gelassen fühlen von kommunalen Politikern, denen sie seit Jahren gesagt haben, dass es beim Brandschutz des Hochhauses gravierende Mängel gab. Sie denken auch, dass die Austeritätspolitik der konservativen Regierung dazu geführt hatte, dass in den sozialen Wohnungsbau nicht mehr investiert wurde.

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Queen Elisabeth II. und Prinz William in Nord-Kensington.

Nord-Kensington ist eine der reichsten Kommunen Großbritanniens mit einem zugleich sehr armen Bevölkerungsteil. Hier gibt es eine sehr diverse Mischung von Menschen – ethnisch wie sozial. Auf der einen Seite viele Sozialhilfeempfänger mit Migrationshintergrund, auf der anderen Seite eine vornehmlich weiße obere Mittelklasse, die sich jene sündhaft teuren Häuser leisten kann, die nicht zum sozialen Wohnungsbau gehören wie etwa der Grenfell Tower.

Fatale Verschönerung

Die Modernisierung des Grenfell Tower vor einem Jahr, sagen jetzt die Anwohner, habe man unternommen, um den Betonklotz mit einer neuen Fassadenverkleidung aufzuhübschen. Das mag das Viertel schöner aussehen lassen, doch für viele Mieter im Tower hatte die Verkleidung fatale Folgen: Da sie brennbar war, konnte das Feuer an der Außenwand schnell nach oben klettern. Die Feuerwehr, die solch eine Brandentwicklung noch nie erlebt hatte, war überwältigt.

Man hatte den Mietern vorher gesagt, im Brandfall in ihren Wohnungen zu bleiben, sie würden innerhalb einer Stunde gerettet werden. So lange sei ihre Wohnung feuerfest. Die Weisung wurde zum Todesurteil. Kein Wunder, dass Wut und Ärger jetzt überzukochen scheinen. Die private Wohnungsverwaltungsgesellschaft, die den Tower im Auftrag der Kommune betrieb, hätte auch Fassadenpaneele auswählen können, die feuerfest gewesen wären. Das hätte laut Times weniger als 5000 Pfund mehr gekostet.

Als die Queen erschien, bekam sie keine der wütenden Vorhaltungen und Anklagen zu hören, die tags zuvor noch an den Bürgermeister Sadiq Khan gerichtet wurden – da war der Respekt vor der alten Dame doch zu groß. Aber die Fragen nach krimineller Haftung und politischer Verantwortung werden nicht so schnell verschwinden. (Jochen Wittmann aus London, 16.6.2017)

  • Polizisten versuchen, die Eindringlinge zurückzudrängen
    foto: apa/afp/daniel leal-olivas

    Polizisten versuchen, die Eindringlinge zurückzudrängen

  • Premierministerin Theresa May besuchte eine Kirche in der Nähe des Unglücksorts und benötigte Polizeischutz
    foto: reuters/hannah mckay

    Premierministerin Theresa May besuchte eine Kirche in der Nähe des Unglücksorts und benötigte Polizeischutz

  • Artikelbild
    grafik: apa
  • Proteste in Nord-Kensington.
    foto: reuters/stefan wermuth

    Proteste in Nord-Kensington.


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