Jenseits von Bullerbü: Was Schwedens Migrationspolitik strikter macht

18. Juni 2017, 09:00
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2016 endete die liberale Ära. nun fordern Kommunen neuerlich Anpassungen, erfuhr Oberösterreichs Landesrat Rudi Anschober (Grüne) bei eine Integrationsreise

Stockholm – Boel Godner blickt nachdenklich aus dem großen Panoramafenster über die Dächer der Stadt. Ihrer Stadt. Seit sieben Jahren ist die Sozialdemokratin Bürgermeisterin von Södertälje. Schwedische Idylle trifft hier auf nordische Schwerindustrie. Falunrote Holzhäuser auf der einen, Großkonzerne wie die VW-Lastwagentochter Scania auf der anderen Seite. Und es ist der Geburtsort des ehemaligen Tennisstars Björn Borg.

Doch wer an der Spitze der 93.000-Einwohner-Stadt politisch überleben will, muss stets das große Ganze im Blick haben. Södertälje ist der Seismograf der Weltpolitik. Internationale Krisen spürt man gut eine Zugstunde südlich von Stockholm entfernt ganz besonders. 2003 nahm Södertälje während des Irakkriegs mehr Iraker auf als ganz Nordamerika zusammen. Die Syrien-Krise hat die Situation noch einmal verschärft. 50 Prozent der Einwohner haben heute in Södertälje einen Migrationshintergrund. 30.000 Einwohner gehören einer christlichen Minderheit an.

"Klein-Bagdad"

"Klein-Bagdad" nennt man die schwedische Industriestadt heute gerne. Boel Godner bevorzugt eher die Bezeichnung "City of Migration". Nachsatz: "A special place with an exotic feeling".

Bereits Ende der 60er-Jahre sind in Södertälje christlich-nahöstliche Gemeinden entstanden – mit chaldäisch-katholischen, syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Kirchen. Das liberale schwedische Einwanderungsgesetz sorgte dann für einen sprunghaften Einwohneranstieg: Wer Asyl beantragt, der muss nur eine Adresse angeben, etwa von Verwandten oder Freunden. Und darf dort dann hinziehen. Und so wollen viele eben nach Södertälje. Dem Ort mit den vielen kleinen arabischen Geschäften und mehreren orthodoxen Kirchen – mitten in Schweden.

Für Boel Godner ist aber, trotz einer deutlichen Verschärfung der Asylgesetze 2016 durch die rot-grüne Regierung, dennoch neuerlich eine Grenze erreicht. Die Bürgermeisterin sieht vor allem die freie Ortswahl als durchaus problematisch an: "Zu viele auf einem Platz ist nicht gut. Wir haben es auf die harte Tour gelernt."

Überbelegung

Vor allem sei es problematisch, dass es keine gesetzliche Regelung gebe, wie viele Personen an einer Adresse gemeldet sein dürfen. Godner: "15 Personen in einer Wohnung mit drei Zimmern sind keine gute Ausgangssituation." Dieses Problem eine die schwedische Industriestadt mit dem fernen Oberösterreich, wie dessen Integrationslandesrat Rudi Anschober (Grüne) anlässlich einer "Integrations-Reise" in den Norden feststellte: "Auch in Oberösterreich haben wir einen eklatanten Mangel an Wohnraum für Flüchtlinge."

Vorbildhaft ist für Anschober hingegen die Möglichkeit für Asylwerber in Schweden, schon vom ersten Tag des Asylverfahrens an arbeiten zu können. "Es braucht auch in Österreich endlich eine gesteuerte und kontrollierte Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber. Etwa in Mangelberufen, in denen es keine Bewerber aus dem EU-Bereich gibt." (Markus Rohrhofer aus Stockholm, 18.6.2017)

Die Reise fand auf Einladung des Landes Oberösterreich statt.

  • Das Bild der Idylle trügt, die Integration von Flüchtlingen bringt manche Städte an ihre Grenzen.
    foto: reuters

    Das Bild der Idylle trügt, die Integration von Flüchtlingen bringt manche Städte an ihre Grenzen.

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