Fliegen ist das neue Segeln

Video17. Juni 2017, 09:33
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"Foiling" hebt die Boote aus dem Wasser. Vorreiter ist der America 's Cup, doch auch der Olympiadritte Thomas Zajac fliegt mit Vorschoterin Barbara Matz bald los. Zajac freut sich "auf die Challenge ", sagt aber auch: "Das Risiko steigt. "

Wien – In Gedanken ist Thomas Zajac vor Hamilton, der Hauptstadt von Bermuda im Nordatlantik. Dort beginnt am Samstag das US-neuseeländische Duell um den America's Cup, und Zajac hat hüben, beim Team Oracle, wie drüben, beim Emirates Team, viele gute Bekannte, mit denen und gegen die er schon gesegelt ist. Leibhaftig sitzt der 31-jährige Wiener, der 2016 gemeinsam mit Tanja Frank in der Nacra17-Klasse für Österreichs einzige Olympiamedaille seit 2008 gesorgt hat, in einem Kaffeehaus in seiner Heimatstadt. Und er freut sich auf die traditionelle Kieler Woche, die vor der Tür steht.

In Kiel segelt Zajac, da Frank in den 49er-FX umstieg, mit seiner neuen Vorschoterin Barbara Matz und zum letzten Mal auf dem, nun ja, guten alten Nacra17. Denn schon bald, sagt er, wird das Boot "nicht wiederzuerkennen sein". Die Revolution im Segelsport hat ihren Ursprung im America's Cup (AC), der wieder einmal Maßstäbe setzt. Doch die Welle der Neuerungen wird auch viele andere, gängige Klassen erfassen. Es geht ums "Foilen" oder "Foiling", bei dem Boote mittels Kufen ("Foils") auf den Schwertern und Rudern aus dem Wasser gehoben und quasi zum Fliegen gebracht werden. "Ein Foil ist unten flach und oben gebogen", sagt Zajac, "und funktioniert wie ein Flugzeugflügel. Du brauchst einen gewissen Speed, dann hebst du ab."

"Formel-1-Charakter"

Auch Foils lassen sich trimmen, ein paar Grad mehr oder weniger Winkel machen viel aus. Zajac: "Zum Anstarten brauchst du mehr Winkel, beim Fliegen nimmst du Winkel zurück." Die AC-Syndikate, für deren Besitzer Geld kaum eine Rolle spielt, haben Unsummen in Forschung und Entwicklung gesteckt, davon wird auf Sicht auch der gemeine Segelsport profitieren. Die Entwicklung, sagt Zajac, werde nicht aufzuhalten sein. Und Kritikern, die den traditionellen Segelsport stranden sehen, will er den Wind aus den Segeln nehmen. "Traditionalisten stehen jeder Veränderung skeptisch gegenüber. Das klassische Segeln geht ja nicht verloren." Aber? "Aber was das Foilen für den Spitzensport bedeutet, ist sensationell. Segeln wird Formel-1-Charakter bekommen." Luft hat weniger Widerstand als Wasser, das erhöht die Bootsgeschwindigkeit. "Der Speed wird steigen, die Action wird toll."

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Es wird abgehoben.

Von den olympischen Disziplinen ist Nacra17 vorerst die einzige, die – nach der Kieler Woche – vom neuen Trend erfasst wird. Die anderen Klassen unterliegen einem Vertrag, der 2012 abgeschlossen wurde und bis zu den Spielen 2020 in Tokio gilt. "Danach wird ein großer Umbruch stattfinden. Die Masse wird zu foilen beginnen", ist Zajac überzeugt. "Und wir sind jetzt die Pioniere." Bei dem im Vorjahr erstmals olympischen Nacra17-Boot, in dem Mann und Frau gemeinsam segeln, werde sich "bis auf das Großsegel in Wahrheit alles verändern". Zajac und Matz (19), die kürzlich maturierte, erwartet "eine richtige Challenge. Es wird tougher. Man muss bei höherem Speed schnellere Entscheidungen treffen, man muss sich viel trauen. Für Zuseher wird Segeln garantiert cooler."

"Es wird Unfälle geben"

Was schneller und cooler wird, wird eher nicht ungefährlicher. "Es wird Unfälle geben", sagt Zajac. Die Duelle der America's-Cup-Herausforderer ließen einiges erahnen, da gab es mehrere heikle Situationen, etwa als sich die schon foilende britische Yacht auf die nicht foilende japanische Yacht "draufsetzte" oder als die neuseeländische Yacht quasi einfädelte und sich überschlug. Die AC-Boote erreichen Geschwindigkeiten von 50 Knoten (92 km/h), da macht die Helmpflicht schon Sinn. Mag sein, sie wird auch bei Olympia Einzug halten.

Im Nacra17, schätzt Zajac, werde sich der Temposchnitt bei Mittelwind teilweise mehr als verdoppeln. "Auf der Kreuz hatten wir früher elf Knoten, jetzt werden wir 28 Knoten erzielen." Auf dem Vorwindkurs sollten aus 18 Knoten bald 30 Knoten werden, also 55,6 Stundenkilometer.

Dass klassischen Seglern auf heimischen Seen bald andere Boote um die Ohren fliegen, glaubt Thomas Zajac nicht. "Es wird ein Miteinander geben." Er verweist auf die Kitesurfer, die anfänglich ja auch von Windsurfern und Seglern verteufelt wurden. Und darauf, dass sich auf dem Neusiedler See die Frage kaum stellen wird. Für Foils dürfte dieser nicht tief genug sein. Und schließlich bleibt kein Boot ewig oben. (Fritz Neumann, 16.6.2017)

  • Ziemlich abgehoben präsentiert sich das Emirates Team New Zealand vor Hamilton (Bermuda). Ab Samstag geht's gegen US-Titelverteidiger Oracle um den 35. America's Cup.
    foto: ap/pinto

    Ziemlich abgehoben präsentiert sich das Emirates Team New Zealand vor Hamilton (Bermuda). Ab Samstag geht's gegen US-Titelverteidiger Oracle um den 35. America's Cup.

  • Barbara Matz und Thomas Zajac. Noch sitzen sie, und manchmal stehen sie (im Trapez). Doch demnächst werden sie auch fliegen.
    foto: david pichler

    Barbara Matz und Thomas Zajac. Noch sitzen sie, und manchmal stehen sie (im Trapez). Doch demnächst werden sie auch fliegen.

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