Jules de Balincourt: Schön bunt

17. Juni 2017, 12:00
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Die Salzburger Galerie Ropac zeigt eine Werkserie mit neuen Bildern des frankoamerikanischen Malers

Bei We Come Together At Night, so der Titel der Schau in der Villa Kast am Mirabellplatz, bleibt der Maler seinen Gestaltungsprinzipien treu: oft großformatige, bunte Ölbilder auf Holztafeln mit intensiven, großen Farbflächen – aber bei dem in Brooklyn lebenden und arbeitenden gebürtigen Pariser (Jahrgang 1972) ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Zur Orientierung einige biografische Eckpunkte: Die Frau Mama war ein Hippie, die aus privaten Gründen Anfang der 1980er-Jahre in die USA ging, wo der junge Jules im sonnigen Kalifornien und mit einer Liebe zum Wasser und Surfen aufwuchs. Wasser und Eilande sind bis heute immer wiederkehrende Motive des vom Fauvismus und insbesondere Henri Matisse inspirierten Malers. Der Zuschreibung "faux naive", die einige Kritiker auf seine Kunst anwenden, kann de Balincourt, dessen Bilder mitunter wie eine bunte Mischung aus Peter Doigs sehnsuchtsvoller Romantik und Edward Hoppers kühler Eleganz wirken, allerdings nichts abgewinnen.

Die Farbgebung, so der Künstler, orientiert sich nicht an elaborierten Kunsttheorien, sondern erfolgt intuitiv beim Malprozess, wenn sich de Balincourt im New Yorker Atelier von den gerade dort stehenden Arbeiten anregen lässt.

Psychedelischer Farbrausch

2006, nur ein Jahr nachdem er sein Studium am New Yorker Hunter College abgeschlossen hatte, stellte er im Pariser Palais de Tokyo aus. Auch Charles Saatchi entdeckte den jungen Maler und zeigte den damals 35-Jährigen in der vieldiskutierten Überblicksausstellung über amerikanische Gegenwartskunst in der Londoner Royal Academy. Vier Jahre später verkaufte der Gründer der Saatchi Gallery de Balincourts US World Studies II für umgerechnet rund 260.000 Euro, seither bewegt sich die Preisgestaltung im gehobenen sechsstelligen Bereich, seine Bilder befinden sich in den wichtigsten Sammlungen weltweit.

Eine Überintellektualisierung der Kunst kann man de Balincourt sicher nicht vorwerfen. Die Spuren gegenkultureller Traditionen, auch etwa in Gestalt des psychedelischen Farbenrauschs praktisch aller seiner Bilder, finden nicht nur in seinen Werken, sondern noch viel offensichtlicher in den eignen Lebensentwürfen ihren Niederschlag.

Strahlende Helden

Es hat etwas von Monte Verità, von einer kommunitaristischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die Jules de Balincourts "Starr Space", den er zwischen 2007 und 2010 in Brooklyn betrieb und mit dem er die Idee von Mikrogemeinschaften in die Tat umsetzte, zu realisieren versuchte.

Jetzt hat sich der Künstler Land in Costa Rica gekauft, wo er in Zukunft zumindest zeitweise leben will, um mit Architekten, Künstlern, Biobauern dieses utopische Projekt fortzuführen.

Kalifornien, genauer Hollywood, ist auch ein mythischer Ort für strahlende Helden, die den American Dream symbolisieren. Myth Makers heißt ein Bild der neuen Werkserie, das die US-Superhelden, die aus Comics kommen, zum Gipfeltreffen versammelt. Einzelkämpfer, die (vorgeblich) die Welt, zumindest aber amerikanische Werte, Interessen und Befindlichkeiten retten, sind hier vollzählig angetreten. Damit korrespondiert ein anderer mythischer Archetyp der US-Geschichte: der einsame Cowboy, der im Bild mit dem Titel Looking For An Enlightened Cowboy einmal mehr die Doppelbödigkeit in de Balincourts Arbeiten und seinen Sinn für Ironie beweist: Utopien haben ihre Negation schon immer eingeschrieben – in Zeiten von Polit-, Klima- und Wirtschaftskrisen mutieren sie zu Dystopien.

Im Bild Darwins Nightmare wird diese Haltung gebrochen, wenn darauf ein Abbild Robinson Crusoes zu sehen ist: In Daniel Defoes Roman wird die Schöpfung gemäß dem damaligen aufklärerischen Zeitgeist als beste aller Welten dargestellt.

Bei Jules de Balincourt schwankt das Pendel angesichts einer verkehrten Welt zwischen Optimismus und Pessimismus. Obwohl er meint, dass seine früheren Arbeiten in der Zeit nach 9/11 noch narrativer und politisch expliziter waren, etwa mit Kommentaren zum Irakkrieg 2003 oder dem vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampf, bleibt das große Unbehagen.

Fragile Idylle

Apropos verkehrt: Direkt neben den Myth Makers hängt der Inverted Eagle: In gegenkulturellen Milieus der 1960er- und 1970er-Jahre bedeutete die auf dem Kopf stehende Flagge Widerstand ge-gen die offizielle US-Regierungspolitik: Die (bloß oberflächliche) Idylle ist fragil, was bei einem David Hockney vor 50, 40 Jahren noch eine strahlende Zukunft versprach, ist nun den vielen Teufeln im Detail gewichen. (Gerhard Dorfi, 17.6.2017)

Bis 22. 7. in der Galerie Thaddaeus Ropac – Villa Kast, Mirabellplatz 2, 5020 Salzburg

www.ropac.net

  • "We Come Together At Night" (2017): Dieses Bild von Jules de Balincourt ist titelgebend für die Ausstellung.
    foto: jules de balincourt / artist studio

    "We Come Together At Night" (2017): Dieses Bild von Jules de Balincourt ist titelgebend für die Ausstellung.

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