Thomas Sautner: Zerwackelte Wirklichkeit

17. Juni 2017, 12:00
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Diverse Grenzüberschreitungen lotet der Roman "Das Mädchen an der Grenze" aus. Wo er dabei auf Waldviertler Boden bleibt, gelingt das am besten

"Nicht schießen!", schreit der tschechische General. "Nestrílet!" Das rettet Malinas Vater das Leben. Malina und ihre Schwestern haben im Wald verbotenerweise die grüne Grenze überschritten. Malina ist ohnmächtig geworden, da waren die tschechischen Grenzer schon da. Kein Spaß, wir schreiben das Jahr 1988, der Eiserne Vorhang noch intakt und streng bewacht. Der Vater, außer sich, setzt sich über alle Befehle hinweg und radelt hinüber zum Feind, um die Tochter zu holen. Dort ist alles anders als erwartet.

Thomas Sautners neuer Roman Das Mädchen an der Grenze spielt irgendwo im Waldviertel – und es geht darin um Grenzüberschreitungen in vielerlei Hinsicht. "1989, das Jahr der Öffnung, niemand sah es kommen", heißt es zuerst. Die Grenzziehungen des Kalten Krieges scheinen noch intakt. Dass sie schon bröckeln, ahnt in dem abgelegenen Zöllnerhaus, in dem Malina und ihre Familie leben, niemand. Aber auch das Leben des Mädchens ist nicht so intakt, wie es scheint: Die Dinge "zerwackeln" vor ihren Augen, verlieren Form und Farbe, ein Wasserglas zum Beispiel. Sie greift ins Leere. Anfangs ist sie nicht beunruhigt über "das Ende der Dinge". Ihre, nennen wir es Absencen, ängstigen sie nicht.

Ineinanderkippen von oben und unten

Souverän nimmt Sautner hier die Perspektive des Kindes ein. Auch die genaue Kenntnis des nördlichen Waldviertels, er selbst ist dort geboren, macht die Beschreibung der Orte von Malinas Kindheit besonders: "Auf der Lichtung, abseits von unserem Haus, lagen eine Feuchtwiese und ein kleiner Teich (...) Vom Torf und den Baumrinden, die sich am Grund auflösten, war der Teich tiefdunkel. Seine Oberfläche aber spannte sich so spiegelglatt und lichthell, dass ich sie nur mit dem Zeh anzutupfen brauchte, um die hoch vorüberschwebenden Wolken zu berühren." Wie hier oben und unten in einem Moment ineinanderkippen, ist ein Motiv, das das Buch durchzieht. "Der Himmel des Wassers und der Himmel des Alls – die beiden strahlenden Gesichter ein und derselben Finsternis."

Malinas Entschluss, "ein normales Kind werden zu wollen", lässt sich nicht umsetzen. Immer öfter "fluten" andere Leben in sie hinein ohne Vorwarnung. Die Grenze zwischen der normalen Welt und einer anders sinnlichen verschwimmt. Sie sieht ihre Mutter bei einem Autounfall, ist dabei, als ihr Vater geboren wird, sieht sich als reife Frau beim Pflücken eines Apfels. Sautners Ton ist hierbei völlig lakonisch. Er bleibt in der kindlichen Perspektive, die die Diagnose ereilt: Nervenzusammenbruch und psychotische Schübe.

Alltag und Aufregung

Im zweiten und dritten Teil des Buches befindet sich Malina jenseits der Grenze. Wir folgen ihr in "Zenons Zelt": Wachträume, Traumträume, Nahtoderfahrungen wechseln sich ab mit einer Art Metaerzählung, in der alle Menschen und deren Erdenleben als bloßes Produkt der Experimentierfreude höherer Intelligenzen enttarnt werden. "Die Menschen stecken in ihrer Programmierung fest" heißt es da wenig originell.

Im vierten Teil kehrt Malina aus dem Krankenhaus ins Waldviertel zurück – und das tut dem Buch gut. Der "stinknormale" Alltag wird durchbrochen von aufgeregten Nachrichtensprengseln: Der Fall der Berliner Mauer reißt die anderen Grenzen mit sich, auch im Waldviertel ist die Grenze offen, alte Rechnungen werden beglichen. Malina lernt mitzuspielen, zu sortieren, was Traum ist und was Realität. Gerettet habe sie, so berichtet sie retrospektiv, die Kraft der Bücher: "Wir begegnen einander und sie erzählen, obgleich sie doch von anderen Leben handeln, stets von mir." (Tanja Paar, 17.6.2017)

  • Thomas Sautner, "Das Mädchen an  der Grenze".  € 18,- / 148 Seiten. Picus-Verlag,
Wien 2017
    foto: picus

    Thomas Sautner, "Das Mädchen an der Grenze". € 18,- / 148 Seiten. Picus-Verlag,

    Wien 2017

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