"Tokyo 42" im Test: Hardcore-Sandkiste für Lego-Attentäter

Rezension16. Juni 2017, 10:59
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Trotz zuckersüßer Optik ist "Tokyo 42" eine herausfordernde Kreuzung aus "GTA", "Hitman" und "Syndicate"

Der Blick von oben auf virtuelle Großstädte ist seit jeher faszinierend – ob als Bauherr in Aufbauspielen wie "SimCity", als Einsatzleiter in Echtzeittaktik-Titeln wie "Syndicate" oder als einsamer Chaos-Gangster im Original-"GTA". Eine Metropole aus der Vogelperspektive hat mit all ihren wuselnden Bewohnern immer etwas von einem chaotischen Ameisenhaufen, der im besten Fall auch dynamisch auf die Aktionen von Spielerinnen und Spielern reagiert.

In "Tokyo 42" sehen wir die titelgebende Millionenstadt von schräg oben als isometrische Wunderwelt mit einer ganz eigenen Vision der Zukunft: Im Jahr 2042 spielt sich das urbane Leben großteils auf den Dächern und Terrassen einer Wolkenstadt ab, die mit knalligen Farben und bunter Seltsamkeit eine erfrischend originelle Zukunftsvision zeichnet. Die klaren Geometrien und besonders die mutige Farbgebung erinnern dabei an den Mobile-Hit "Monument Valley", ohne dessen architektonische Unmöglichkeiten anzustreben – bei dieser Äußerlichkeit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder.

"Hitman" in ganz klein

Spielerisch und inhaltlich bedient sich "Tokyo 42" dann nämlich an ganz anderen Vorbildern, wenn auch mit einer großen Portion Charme und Humor. Als Attentäter wider Willen steuern Spielerinnen und Spieler die winzig kleine Hauptfigur direkt durch diese chaotische, atypisch bunte Cyberpunk-Welt und erledigen Mord-Missionen für die lokale Unterwelt. Die schrille, lineare Story wird hauptsächlich in Dialogen und Missions-Briefings erzählt, die Aufträge selbst – es gibt neben der Hauptkampagne noch knapp 70 Nebenmissionen sowie zahlreiche Secrets – lassen dann die große Freiheit, was ihre Erledigung angeht: Ob man mit massiver Waffengewalt oder vorsichtigem Anschleichen ans Ziel gelangt, bleibt einem dabei selbst überlassen.

Das Auskundschaften der wuseligen Umgebung ist dabei stets die erste Aufgabe, um seine zerbrechliche Spielfigur nicht im Kugelhagel enden zu sehen. Die Kameraperspektive von "Tokyo 42" lässt sich dafür per Tastendruck in 45-Grad-Stufen drehen. Hierin liegt leider auch die größte Schwäche des Spiels, denn allzu oft ist in haarigen Situationen das Einstellen der unverstellten Sicht auf das Geschehen die größte Herausforderung – ein Ärgernis besonders in den späteren Missionen, die durchaus umfangreicher und knifflig ausfallen und in manchen Fällen fast Puzzle-Charakter annehmen. Ein Multiplayer-Part lädt abseits der Kampagne zum – detailreich konfigurierbaren – Deathmatch.

Fazit

Optisch und auch in Sachen Sound ist "Tokyo 42" ein herausragendes Spiel: Die bunte Wuselmetropole ist beeindruckend hübsch und überrascht mit humorvollen Details. Auch der Elektropop-Soundtrack weiß zu gefallen und betont vor allem die ruhigeren Spielphasen, in denen man absichtslos als Tourist in der erstaunlichen Stadt unterwegs ist.

Spielerisch richtet sich das mit seiner gefälligen und quietschbunten Optik täuschend nach "Casual-Kost" aussehende Spiel im Gegenteil an eine erfahrene und auch frustresistente Spielerschaft. Wie in den Auftragsmorden der "Hitman"-Serie sind sekundenschnelle taktische Entscheidungen ebenso gefragt wie auch die fehlerfreie Bedienung der hin und wieder kniffligen Kamerasteuerung – gerade im letzten Drittel der etwa zehn Stunden dauernden Kampagne verzeiht "Tokyo 42" auch nicht den kleinsten Fehler. "Tokyo 42" ist ein beeindruckend hübsches Einzelstück, das hinter seiner poppigen Fassade mit einem Hauch zu viel spielerischer Härte aufwartet. (Rainer Sigl, 16.6.2017)

"Tokyo 42" ist für Windows-PC und Xbox One erschienen. Die PS4-Ausgabe folgt in Kürze. UVP: 19,99 Euro.

Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller bereit gestellt.

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Tokyo 42

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