Nach Attentat auf US-Politiker: Zurückfinden zum unaufgeregten Ton

15. Juni 2017, 18:27
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Während der Abgeordnete Steve Scalise noch ums Überleben rang, riefen zahlreiche Politiker zu Ruhe und Sachlichkeit auf

James Hodgkinson war offenbar zornig, leidenschaftlich an Politik interessiert – und geübt im Umgang mit Waffen. Am Mittwoch zielte er auf einem Baseballplatz auf eine Gruppe von Republikanern, die für ein Spiel trainierten. Vier verletzte er, bevor er von herbeigeeilten Polizisten erschossen wurde. Einer, der Kongressabgeordnete Steve Scalise, konservative Nummer drei im Repräsentantenhaus, wurde in kritischem Zustand auf die Intensivstation eines Krankenhauses gebracht.

Dass er die Republikaner hasste, daraus hat Hodgkinson nie ein Hehl gemacht. Donald Trump habe die Demokratie zerstört, lautete einer seiner letzten Einträge bei Facebook. Es sei an der Zeit, Trump & Co zu zerstören, schob er hinterher und rief zur Amtsenthebung des Präsidenten auf. Der 66-jährige Baugutachter aus Belleville, Illinois war ein kompromissloser Kritiker der konservativen Agenda. In seinen Augen bedeutete sie, die USA zur Oligarchie zu machen.

Sanders-Fan und Leserbriefschreiber

2016 war er freiwilliger Wahlhelfer für Bernie Sanders in Iowa. Die Lokalzeitung seiner Heimatstadt kannte ihn als eifrigen Verfasser von Leserbriefen, etwa: "Würden die Reichen ihren fairen Anteil bezahlen, steckten wir nicht in diesem Dilemma." Er fand scharfe Worte für Jeb Bush, Ted Cruz, John Kasich und all die anderen Republikaner, die 2016 fürs Weiße Haus kandidierten: Bei diesen "Clowns" ziehe jemand die Fäden; Trump hebe sich ab, weil er eigenes Geld in die Hand nehme, um sich zum Narren zu machen.

Am Tag vor der Attacke schließlich stellte Hodgkinson eine Karikatur auf Facebook. Wie die Gesetzgebung funktioniere? "Das ist leicht zu erklären, Billy", war dort zu lesen: "Die Unternehmen schreiben den Entwurf, und dann korrumpieren sie den Kongress, bis daraus ein Gesetz wird. Genauso funktioniert es."

Im Lieferwagen zu Hause

Vor ein paar Wochen zog Hodgkinson aus dem Mittleren Westen an den Rand der Hauptstadt Washington nach Alexandria, wo er in einem Lieferwagen hauste und in einer Jugendherberge duschen durfte.

Die Wahl Trumps habe James sehr geärgert, vertraut sein Bruder Michael der New York Times an. Sanders wiederum, als dessen glühender Fan sich Hodgkinson gab, distanzierte sich: Er sei fassungslos angesichts der abscheulichen Tat, sagte der Senator aus Vermont: Gewalt, welcher Art auch immer, sei inakzeptabel.

Seltener Schulterschluss

Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen die US-Politik in sich geht, in denen Demokraten wie Republikaner nachdenklich werden. Ist die kontroverse Rhetorik – in der Ära Trump noch viel kontroverser als sonst – aus dem Ruder gelaufen? Sollte man nicht schnellstmöglich zurückfinden zu einem unaufgeregteren Ton?

Die Schüsse auf dem Sportplatz, plötzlich werden sie zum Symbol für aufgeputschte Emotionen, für den Verlust an Sachlichkeit. "Zeigt der Welt, dass wir ein Haus sind, das Haus des Volkes, vereint in unserer Menschlichkeit!", fordert der Republikaner Paul Ryan, während führende Demokraten in ähnlich feierlichen Worten zum Schulterschluss aufrufen. Die Stunde der Versöhnung: Ob sie nur eine kurze Episode ist oder aber auf längere Sicht Wirkung entfaltet, muss sich noch zeigen. An Skeptikern jedenfalls mangelt es nicht – erst recht nicht angesichts vorangegangener Erfahrungen.

Schrotflinte vors Gesicht gehalten

Und es gibt Stimmen, die davor warnen, hinter dem Angriff vorrangig politische Motive zu sehen. Der frühere High-School-Ringer, berichten Nachbarn in Belleville, sei nicht nur einmal gewalttätig geworden: Vor Jahren habe er die Tür des Zimmers eingetreten, in dem seine Tochter damals wohnte, um sie an den Haaren ins Auto zu zerren. Als ihn ein Freund der Tochter zur Rede stellen wollte, soll er ihm die Schrotflinte vors Gesicht gehalten haben, erzählt der Sheriff von Belleville. (Frank Herrmann aus Washington, 16.6.2017)

  • Donald Trump beim Verlassen des Medstar Washington Hospital Center, wo er Steve Scalise besuchte.
    foto: ap / pablo martinez monsivais

    Donald Trump beim Verlassen des Medstar Washington Hospital Center, wo er Steve Scalise besuchte.

  • Der mutmaßliche Attentäter James Hodgkinson galt als jähzornig und leidenschaftlich an Politik interessiert.
    foto: reuters

    Der mutmaßliche Attentäter James Hodgkinson galt als jähzornig und leidenschaftlich an Politik interessiert.

  • Steve Scalise, einflussreicher Republikaner im US-Kongress, wurde lebensgefährlich verletzt.
    foto: afp / getty images / justin sullivan

    Steve Scalise, einflussreicher Republikaner im US-Kongress, wurde lebensgefährlich verletzt.

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