Suche nach mehr als 60 Vermissten nach Brand in London

16. Juni 2017, 11:04
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Im Grenfell Tower gibt es keine Überlebenden mehr. Nun lässt die Premierministerin die Vorfälle untersuchen

Noch am Donnerstag loderten Flammen aus dem Grenfell Tower. Der schlimmste Hochhausbrand in der britischen Geschichte, der in den frühen Morgenstunden am Mittwoch begann, hat bisher mindestens 30 Menschenleben gefordert. Aber die Opferzahl, fürchten Feuerwehr und Polizei, wird steigen und könnte im dreistelligen Bereich liegen.

Der 24 Stockwerke hohe Wohnturm wurde zur Feuerfalle. Besonders die Mieter in den höchsten Stockwerken hatten keine Chance. Von denen, denen die Flucht gelang, blieben am Donnerstag 37 Menschen in ärztlicher Behandlung, davon 17 in einem kritischen Zustand. 65 Menschen galten am Freitag noch als vermisst. Es sei zu befürchten, dass sie ums Leben gekommen seien, berichtete die Zeitung "The Sun".

Erstes Opfer identifiziert

In der Zwischenzeit wurde das erste Opfer identifiziert. Es handelt sich um einen syrischen Flüchtling namens Mohammed Alhajali. Sein Bruder Omar brach in Tränen aus, als er von der Flucht der beiden aus dem 14. Stock berichtete. Omar dachte, dass sein Bruder entkommen konnte, er hatte ihn allerdings aus den Augen verloren. Nun wurde bekannt, dass Mohammed es nicht ins Freie geschafft hat. Kurz vor seinem Tod hatte er noch mit Omar telefoniert: "Warum hast du mich allein gelassen. Ich sterbe. Ich kann nicht atmen."

Jetzt geht es für die Feuerwehr nicht mehr um eine Rettungs-, sondern nur noch um eine Bergungsaktion. Die rußgeschwärzte Hochhausruine ist statisch noch intakt, eine Einsturzgefahr besteht nicht. Aber einzelne Wohnungen sind kollabiert. Die Rettungskräfte senden speziell ausgebildete Hunde in das Gebäude, um die sterblichen Überreste von Opfern zu finden. Die Bergung und die Suche nach Ursachen für das Inferno könnten, sagt Dany Cotton, die Chefin der London Fire Brigade (LFB), "noch Wochen dauern". Noch ist unklar, wer von den Bewohnern des Grenfell Tower aus den Flammen flüchten konnte. Bis zu 600 Menschen lebten im Hochhaus, die Feuerwehr spricht davon, dass man 65 Mieter aus dem brennenden Gebäude habe retten können.

Vollbrand in zehn Minuten

Die Schnelligkeit, mit der sich die Flammen ausbreiteten, ist der Hauptgrund für die katastrophale Entwicklung des Brandes. "Innerhalb von zehn Minuten", sagte Augenzeugin Tanya Thompson, "ist das Feuer an der Seite des Gebäudes ganz nach oben geklettert." Der Grund für die vertikale Ausbreitung ist eine Fassadenverkleidung, die im vergangenen Jahr angebracht wurde, um den Betonbau aufzuhübschen. Dabei wurden Paneele verwendet, die nur bedingt feuerfest sind und bei hohen Temperaturen in Flammen aufgehen. So konnte das Feuer von außen von einer Wohnung auf die nächste überspringen. Zugleich wirkte die Verkleidung wie ein Kamin, der den Brand verstärkte. "In meiner 29-jährigen Karriere als Feuerwehrfrau", sagte LFB-Chefin Cotton, "habe ich noch nie solch ein Feuer erlebt."

Ersten Erkenntnissen zufolge gab es viele Mängel. Mieter berichten, dass sie keinen Feueralarm gehört hätten. Ein Sprinklersystem existierte nicht. Es gab nur das zentrale Treppenhaus als Fluchtroute, das schnell durch Rauch unpassierbar wurde. Viele dieser Mängel sind schon Jahre vor der Katastrophe von der Mietervereinigung gegenüber dem Vermieter gemeldet worden, aber nichts geschah: Man redete sich darauf hinaus, dass sämtliche Bau- und Feuerschutzvorschriften beachtet worden seien.

Doch vielleicht waren diese unzureichend. Nach einem Hochhausbrand 2009 hatte 2013 ein Bericht Empfehlungen zum Brandschutz abgegeben – unter anderem den Einbau von Sprinkleranlagen und die Überarbeitung von Bauvorschriften, um entflammbares Material als Fassadenverkleidung zu verbieten. Seit 2013 hat die Regierung nicht geantwortet, geschweige denn die Empfehlungen umgesetzt.

Die politische Verantwortung führt bis in die Downing Street. Gary Barwell, der Stabschef von Premierministerin Theresa May, war zuvor der zuständige Wohnungsminister, der die Empfehlungen ignorierte. Nun hat May eine Untersuchung der Vorfälle angeordnet.

Queen besuchte Notunterkunft

Königin Elizabeth II. und Prinz William haben Opfer und Helfer der Brandkatastrophe am Grenfell Tower in London getroffen. Die Queen und ihr Enkel besuchten am Freitag eine Notunterkunft in einem Fitnesscenter im Stadtteil Kensington in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die "unglaubliche Großzügigkeit" der freiwilligen Helfer gewürdigt. (APA, Jochen Wittmann aus London, 16.6.2017)

  • In dem Hochhaus, das am Donnerstag in Flammen aufging, gab nur ein zentrales Treppenhaus als Fluchtroute, das schnell durch Rauch unpassierbar wurde.
    foto: ap photo/frank augstein

    In dem Hochhaus, das am Donnerstag in Flammen aufging, gab nur ein zentrales Treppenhaus als Fluchtroute, das schnell durch Rauch unpassierbar wurde.

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