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Infografik17. Juni 2017, 17:00

Ein belebter Ortskern, ein neuer Co-Working-Space, junge Unternehmer in der Gemeinde: Ottensheim in Oberösterreich arbeitet erfolgreich gegen das Aussterben des Zentrums und die Motive für Landflucht. Ein Rückgrat dieser Entwicklung: die überdurchschnittlich hohe Bildung der Einwohner. Jeder dritte Ottensheimer hat einen Lehrabschluss, jeder vierte einen Hochschulabschluss. Nur jeder Zehnte (~11 Prozent) hat maximal einen Pflichtschulabschluss – das ist im bundesweiten Vergleich (~19 Prozent) sehr wenig. Diese Bildungsstruktur führt tendenziell zu einem positiven Umfeld für Unternehmen und Innovation.

Akademikeranteil in jeder Gemeinde gestiegen

Ottensheim ist mit dieser Entwicklung aber nicht allein. Der Anteil der Personen mit Matura oder höher ist in Österreich seit 1971 in jeder Gemeinde gestiegen. Das Gleiche gilt für den Akademikeranteil. Wie die Bildungslandschaft in Ihrer Gemeinde aussieht, erfahren Sie in dieser Grafik. Sie zeigt, wo der Anteil der Personen mit Matura oder einem höheren Bildungsabschluss besonders hoch oder niedrig ist. Wählen Sie Ihre Gemeinde aus, um Details zu erfahren.

Aus der Analyse der Daten dieser Karte sind vier Schlüsse zu ziehen:

  • Der Anteil der Personen mit Matura oder einer höheren Ausbildung ist in urbanen Zentren höher als in ländlichen Regionen. Insgesamt liegt er bei 43 Prozent im Vergleich zu 23 Prozent in ruralen Gemeinden.
  • Akademiker wohnen häufiger in urbanen Zentren. Jeder vierte Einwohner hat einen Hochschulabschluss. In peripheren Regionen hat nur einer von zehn Bürgern Universität oder Fachhochschule abgeschlossen.
  • In ländlichen Gemeinden ist der Lehrabschluss das prägende Bildungsmerkmal. Der Anteil der Personen mit Lehrabschluss ist mit 42 Prozent deutlich höher als in der Stadt (24 Prozent).
  • Der Anteil von Personen, die maximal einen Pflichtschulabschluss besitzen, ist in Städten größer als in ländlichen Regionen.

Kurzum: Die Bildungsstruktur in Städten ist polarisiert. Einem hohen Anteil von Akademikern steht ein hoher Anteil von Niedrigqualifizierten gegenüber. Eine Erklärung für das Phänomen bietet der vergleichsweise höhere Anteil von Personen mit Migrationshintergrund in Städten. Die Zuwanderung geringqualifizierter Gastarbeiter in den 60er- und 70er-Jahren, die vorwiegend in Ballungszentren erfolgte, hat die Bildungslandschaft verändert. Außerdem gibt es beim Anteil der Schulabbrecher ein Stadt-Land-Gefälle. In Städten ist ein verfrühter Abschied aus dem Bildungswesen doppelt so wahrscheinlich wie in ländlichen Regionen.

Dabei ist eine höhere Bildung maßgeblich für die persönlichen Erwerbs- und Einkommenschancen: Wer eine höhere Ausbildung abgeschlossen hat, ist häufiger erwerbstätig – damit seltener arbeitslos – und hat tendenziell einen höheren Lebensstandard – damit ist er seltener armutsgefährdet. Das geht auf den Trend zur Wissensgesellschaft zurück, deren Auswirkungen auf den Jobmarkt hier skizziert sind.

Das richtige ausgebildete Personal am richtigen Ort

"In manchen Gemeinden gibt es kaum Akademiker. Das ist ein Handicap in der Regionalentwicklung", sagt Gerlind Weber. Sie ist emeritierte Professorin für Raumplanung und Regionalentwicklung an der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku). Weber plädiert dafür, den Kontakt zu Menschen, die für eine Ausbildung ihre Heimatgemeinde verlassen haben, zu suchen: "Sie können eine Keimzelle für Innovation sein. Manche können sich heute ihren eigenen Arbeitsplatz schaffen. Diesen Menschen muss man signalisieren, dass man ihre Erfahrung braucht."

Insgesamt sollte das Qualifikationsangebot auch mit der -nachfrage übereinstimmen. Die Ausbildungsschwerpunkte sollten also auf die regionalwirtschaftlichen Schwerpunkte ausgerichtet sein, wie Weber in ihrer Studie "Ländliche Räume in der Wissensgesellschaft" schreibt. Viele Hochqualifizierte gehen ihrer Arbeit nicht in der Wohngemeinde nach, sondern pendeln in die Stadt.

Wir sehen:

  • Höherqualifizierte mit Uni-Abschluss arbeiten tendenziell ebenfalls eher in der Stadt.
  • Auf dem ländlichen Arbeitsmarkt ist die Lehre das prägende Bildungsmerkmal. 44 Prozent der Erwerbstätigen haben diese abgeschlossen. Das entspricht in etwa auch dem Anteil der Personen mit Lehrabschluss (42 Prozent), die in ländlichen Regionen auch ihren Wohnsitz haben.
  • Der geringe Anteil der erwerbstätigen Personen mit Pflichtschulabschluss in urbanen Zentren lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass Personen aus dieser Gruppe keiner Beschäftigung nachgehen und deshalb einen geringeren Anteil ausmachen.

Kurzum: Höherqualifizierte leben nicht nur häufiger in der Stadt, sie arbeiten auch eher in urbanen Zentren. Gleiches gilt für Menschen mit Lehrabschluss im ländlichen Raum.

Wandel der Bildungslandschaft

Diese Skizzen der Bildungslandschaft sind Momentaufnahmen mit Stand Ende 2014. Sie zeigen nicht, wie stark sich die Bildungsstruktur seit 1971 verändert hat. Dieser Wandel wird in dieser Grafik sichtbar:

So lässt sich kalkulieren, dass sich der Anteil der Akademiker in urbanen Zentren verfünffacht hat, aber in ländlichen Regionen gar verzehnfacht (von einem niedrigeren Niveau). Der Trend zur Höherqualifizierung ist in urbanen Zentren und deren Umfeld stärker ausgeprägt ist. Der Anteil der Personen, die einen Matura- oder Hochschulabschluss haben, ist dort überproportional gewachsen.

Ein Beispiel dafür ist Ottensheim, wo die Landeshauptstadt Linz gut erreichbar ist und viele Möglichkeiten zur Höherqualifizierung bietet. Diese Anbindung kann Gemeinden dabei helfen, selektive Abwanderung von Höherqualifizierten gering zu halten. (Gerald Gartner, Markus Hametner, 17.6.2017)

Wie funktioniert die Kategorisierung in urbanes Zentrum, städtische Region oder ländlichen Raum?

Die Kategorisierung der Gemeinden erfolgte nach einem Kriterienkatalog der EU-Kommission. Wesentlich für die Zuordnung ist die Einwohnerdichte auf einen Quadratkilometer großen Rastern. Es sind drei Klassen zu unterscheiden:

  • dichtbesiedelte Gebiete: mehr als 1.500 Einwohner pro Quadratkilometer und mehr als 50.000 Einwohner insgesamt – urbane Zentren.
  • Gebiete mit mittlerer Bevölkerungsdichte: mehr als 300 Einwohner pro Quadratkilometer und mehr als 3.000 Einwohner insgesamt – städtische Regionen.
  • dünnbesiedelte Gebiete: Gemeinden mit niedrigerer Bevölkerungsdichte als in den vorhergehenden Kategorien – rurale Gemeinden.

Datenquelle

Datenbasis ist eine Sonderauswertung der Statistik Austria. Die Daten zur Wohnbevölkerung nach höchstem Bildungsabschluss aus dem Jahr 1971 wurden auf den Gebietsstand von 2011 umgerechnet. Gemeindezusammenlegungen wurden berücksichtigt. Diese Daten haben wir für diese Analyse weiter bereinigt und beispielsweise die Gemeindestrukturreform in der Steiermark berücksichtigt.

Erhebungsmethoden

Die verwendeten Daten für das Jahr 2014 kommen aus der Registerzählung. Diese stellt eine Vollerhebung zu Merkmalen der österreichischen Bevölkerung zum Stichtag 31.10.2014 dar und wurde mittels Auswertung von Verwaltungs- und Registerdaten durchgeführt. Die Volkszählung 1971 war eine Fragebogen-Vollerhebung zum Stichtag 12. Mai 1971.


Links

Heimfahrt, Teil 1: Eine Garage und eine Brücke sollen Steyr reanimieren

Heimfahrt, Teil 2: Wo die toten Tiere landen

Heimfahrt, Teil 3: Der Roboter als Knecht: Wie Bauern knallharte Unternehmer werden

Heimfahrt, Teil 4: Ottensheim: Wie Netzwerker den Ort beleben

Kontext

Welche Gemeinden wachsen, welche schrumpfen

Wo Jobs entstehen, wo sie verschwinden

Über die Serie "Heimfahrt"

Themen wie sterbende Ortskerne, Zersiedelung, Speckgürtel, Stadt- oder Landflucht stoßen auf großes Interesse bei unserer Leserschaft und sorgen für rege Debatten in den Foren. DER STANDARD versucht mit der Serie "Heimfahrt" nun noch stärker hinauszugehen. Wir verlassen die Wiener Blase und zoomen auf Steyr, Hannersdorf oder Lustenau. Redakteurinnen und Redakteure, die wie auch die Leserinnen und Leser vielfach entweder vom Land kommen oder zumindest eine enge Beziehung zur Provinz haben, werden mit Reportagen, Interviews, Porträts oder Features Aspekte aus ihren Heimatgemeinden – Dörfern wie Kleinstädten – beschreiben, die online mit Video- und Datenjournalismus aufbereitet werden. Ziel: noch mehr qualitätsjournalistische Mosaiksteine zur Vermessung Österreichs. (ras)