Wissenschafter untersuchen den Piraten-Mythos

16. Juni 2017, 08:56
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Freibeuter, Widerstandskämpfer, Selfmademen oder doch einfach Verbrecher? Um Piraten ranken sich von jeher zahlreiche Mythen

Wien/Innsbruck – Ausgestorben sind Piraten bekanntlich nicht, aber der Ruf "Auf zum Entern!" war früher häufiger zu hören: Zahlreiche Freibeuter von Königs Gnaden und unabhängige Seeräuber trieben lange Zeit auf den Weltmeeren ihr Unwesen. Auch der Landbevölkerung blieb das nicht verborgen, weshalb zahlreiche Mythen und Erzählungen über die Kaperfahrer entstanden, die mündlich, literarisch und später filmisch weiterverbreitet wurden: Piraten sind bis heute der Populärkultur erhalten geblieben.

Dennoch habe die Kulturwissenschaft bisher einen Bogen um diese Figur gemacht, konstatiert Alexandra Ganser vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien: "Die Geschichtswissenschaft hat die Piraterie schon sehr gut aufgearbeitet und ihre sozialen und politischen, aber auch juristischen Aspekte erforscht. In der Kultur- und Literaturwissenschaft gibt es dazu aber noch recht wenig." Die Amerikanistin möchte dazu beitragen, diese Forschungslücke zu füllen, und untersucht derzeit in einem vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Elise-Richter-Projekt amerikanische Piratennarrative in Schrift, Bild und Überlieferung in der Zeit von 1678 von 1865.

Ganser verweist auf den politischen Gehalt dieser Erzählungen: "Der Pirat ist eine ambivalente Figur, die ein Held, aber auch ein Monster sein kann. Er wird gerne bemüht, um politische Handlungsmacht zu rechtfertigen oder zu delegitimieren." Somit ist er je nach Perspektive ein Widerstandskämpfer mit berechtigten Motiven oder ein Verbrecher, dem man das Handwerk legen muss.

Die Literaturwissenschafterin stieß etwa in US-Archiven auf zahlreiche Darstellungen aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, in denen die Konföderierten von gegnerischer Seite als Piraten gezeigt werden, was sich vermutlich auch mit der gegen die US Navy aufgestellten Flotte der Südstaaten erklärt. Die Marine wurde von Thomas Jefferson ursprünglich gegründet, weil die junge Republik ohne den Schutz der britischen Seemacht der zahlreichen Entführungen nicht mehr Herr wurde.

Andererseits sei der Seeräuber Ganser zufolge als "Entrepreneur", der der Armut entflieht und sein Wüten zum erfolgreichen Gewerbe macht, wiederum eine Figur, die mit dem amerikanischen Selbstbild vom aufstrebenden Geschäftsmann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kompatibel ist.

Recht und Moral

Ganser beschränkte sich aber nicht allein auf die USA: In der Karibik sprach sie mit Einheimischen und hörte dort häufig Überlieferungen, in der Piraten immer noch als Volkshelden im Kampf gegen die Sklaverei dargestellt werden. Ohnehin sei ein komparatistischer Zugang bei dieser Thematik angebracht, weshalb die Amerikanistin appelliert, die Figur des Piraten in anderen Sprach- und Kulturräumen in den Blick zu nehmen: "Jede Epoche und Gesellschaft verhandelt über die Figur des Piraten ihre Vorstellungen von Recht und Moral."

Diese Einschätzung teilt auch Eugen Pfister vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der untersucht, welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich hinter den Darstellungen von den Männern (und manchmal auch Frauen) mit Augenklappen und Holzbeinen verbergen. "Mir geht es weniger darum zu überprüfen, ob diese Bilder authentisch sind, sondern mich interessiert vielmehr, welche kulturellen Botschaften kommuniziert werden – also was für Werte und Tabus die jeweilige Epoche mit diesen Darstellungen zu erkennen gibt."

Ohnehin gehen Piraten in modernen Darstellungen laut Pfister immer seltener ihrer eigentlichen Tätigkeit – dem Kapern – nach und suchen stattdessen vermehrt nach Schätzen oder bekämpfen magische Wesen. Die neuerdings wieder gestiegene Popularität des Piraten hält Pfister für ein Indiz der wachsenden Skepsis gegenüber dem Staat und der Demokratie: Dementsprechend kommen die staatlichen Instanzen in neueren Piratenfilmen wie Fluch der Karibik oder dem Computerspiel Assassin's Creed IV: Black Flag entsprechend schlecht weg – im Gegensatz zu den antiautoritären Freigeistern, als die Seeräuber heute vermehrt dargestellt werden.

Pfister: "Diese Darstellungen bedienen auch einen stärker werdenden Individualismus, der sich zunehmend in Opposition zu staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle definiert." Der popkulturelle Pirat von heute ist also weniger der bösartige Kriminelle als der fröhliche Abenteurer, der allein auf sich selbst vertraut.

Das ist ein Bild, das sich nicht unbedingt mit der historischen Realität deckt, wie Mario Klarer vom Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck aufzeigt. Er beschäftigt sich nämlich weniger mit den Piraten selbst als vielmehr mit der Perspektive ihrer Opfer: In dem ebenfalls vom FWF geförderten Projekt "Escape" untersucht er die Berichte der im Mittelmeer versklavten Heimkehrer vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. "Das ist ein paneuropäisches Phänomen. Wir haben derzeit circa 150 Augenzeugenberichte in allen bedeutenden Sprachen des Kontinents vorliegen, da Menschen überall in Piratenhände gefallen sind."

Den segelnden Banditen war nämlich meistens die menschliche Beute wichtiger als die Fracht. Gefangengenommene Reisende wurden entweder verkauft oder freigepresst – für Piraten ein lukratives Geschäft: So verpflichtete sich der Trinitarierorden vordergründig, christliche Sklaven auszulösen, die protestantischen Reeder in den Hansestädten wiederum unterhielten Vorsorgekassen allein für diese Fälle.

Multikulturelle Besatzung

Neben Flucht und Freikauf gab es in Nordafrika noch eine dritte Möglichkeit, der Gefangenschaft zu entkommen: die Konversion zum Islam. So erklärt sich auch, warum die Piratenschiffe derartig multikulturell besetzt waren. Europäische Konvertiten stiegen aufgrund ihrer Orts- und Nautikkenntnisse schnell in der Schiffshierarchie auf. Diese Renegaten stellen viele Heimkehrer in den Berichten als besonders brutal und mit dem Teufel im Bunde dar.

Klarer betont aber, dass die Piraterie im Mittelmeerraum kein ausschließlich muslimisches Geschäft gewesen sei. Ebenso wie auf den großen Sklavenmärkten in Algier und Tunis wurde auch auf der anderen Seite des Mittelmeers ein reger Menschenhandel betrieben. "Wir wissen von Freikauflisten nordafrikanischer Diplomaten, dass ungefähr genauso viele muslimische Gefangene in Europa gelandet sind."

Dass aber viel weniger Berichte von Muslimen vorlägen, erkläre sich aus einer weniger ausgeprägten Druckkultur im islamischen Raum zu dieser Zeit: Vieles existierte nur als Manuskript und ging mutmaßlich verloren. Durch die zentrale Rolle des Leidens in der christlichen Tradition legten zudem eher Heimkehrer dieser Konfession beredt Zeugnis von ihrem persönlichen Martyrium ab, was die Drucker bereitwillig vervielfältigten: Heimkehrerberichte verkauften sich seinerzeit sehr gut.

Auch die europäische Literatur der Neuzeit ist eine reiche Quelle: Frühe Klassiker wie Robinson Crusoe oder das Werk von Cervantes, selbst Gefangener in Nordafrika, sind unmittelbar mit den Themen Piraterie und Sklaverei verbunden. So konnte Klarer auch einen eigentlich literarischen Text als Heimkehrerbericht decodieren: Recherchen zu der Robinsonade eines gewissen Leonhard Eisenschmied aus Gurk offenbarten, dass es sich bei der Darstellung eines Seeräuberangriffs sehr wahrscheinlich um einen Tatsachenbericht handelt. In diesem Fall hätten die Piraten sogar einen Kärntner erwischt. (Johannes Lau, 15.6.2017)

  • Die Kulturwissenschaft hisst die Totenkopfflagge: Die Figur des Piraten ist ambivalent und hat im Lauf der Geschichte immer wieder neue Formen angenommen.
    foto: picturedesk/zanettini/laif

    Die Kulturwissenschaft hisst die Totenkopfflagge: Die Figur des Piraten ist ambivalent und hat im Lauf der Geschichte immer wieder neue Formen angenommen.

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