Alexej Nawalny: Russlands umstrittene Oppositionsikone

Porträt13. Juni 2017, 15:56
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Erneut wurde der Blogger und Putin-Gegner verhaftet. Trotz seiner Popularität ist er nicht unumstritten

Der Protest in Russland trägt Grün. Wenn auch nicht freiwillig. "Seljonka" heißt das Desinfektionsmittel, das auf der Haut einen brillantgrünen Film hinterlässt und solcherart zu einem der Symbole der russischen Anti-Putin-Bewegung wurde.

Alexej Nawalny, der in den vergangenen Monaten zweimal am Rande von Protesten gegen die Regierung damit überschüttet und dessen Auge von der alkoholischen Lösung in Mitleidenschaft gezogen wurde, wurde am Montag erneut festgenommen und zu 30 Tagen Haft verurteilt. Und das, noch bevor die von ihm organisierte Demonstration gegen die grassierende Korruption in Moskau überhaupt begonnen hatte. Tausende waren seinem Aufruf gefolgt, nicht nur in Moskau, sondern auch in Städten außerhalb der Hauptstadt.

foto: evgeny feldman/ap
Das Gesicht grün verschmiert, das Auge verletzt: Russlands Oppositionsikone Alexej Nawalny.

Der 41-Jährige reagierte mit Ironie: "Sie haben nicht nur das ganze Land bestohlen, wegen ihnen werde ich auch das Depeche-Mode-Konzert in Moskau verpassen." Dabei ist der smarte Jurist, der gerne mit hochgekrempelten Ärmeln auftritt, keineswegs unumstritten.

Kein anderer Politiker aus der Riege der zersplitterten russischen Opposition ist so bekannt wie der Rechtsanwalt, der aus einer ukrainisch-russischen Familie stammt und unweit Moskaus aufwuchs. Vor allem im Westen, wo ihn etwa das US-Magazin "Time" 2012 nach den Protesten gegen die Wiederwahl von Präsident Wladimir Putin zu einer der hundert einflussreichsten Personen der Welt kürte.

foto: afp photo / vasily maximov
Erneut wurde Nawalny verhaftet.

Prominenter Blogger

Dieser Einfluss rührt freilich vor allem von seiner Umtriebigkeit im Internet. Millionen Klicks verzeichnen seine Einspielungen auf Youtube, am prominentesten jene, in denen er Premier Dmitri Medwedew Korruption im großen Stil vorwirft. Dieser soll sich mittels eines undurchsichtigen Netzwerks von Stiftungen ein Immobilienimperium geschaffen haben. In seinem Blog betreibt Nawalny seit zehn Jahren kritische Recherchen über die Geschäftspraktiken von Großkonzernen und Politfunktionären, vor fünf Jahren gründete er eine Antikorruptionsstiftung.

алексей навальный
Nawalnys Anti-Medwedew-Video.

2013 schließlich trat er bei der Wahl zum Moskauer Bürgermeister an, verfehlte die Mehrheit zwar klar, fuhr mit 27 Prozent aber einen Achtungserfolg ein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war aus dem Blogger ein Politiker geworden. Wenig später verurteilte ihn ein Gericht wegen Betrugs zu fünf Jahren Lagerhaft, die kurz darauf auf Bewährung ausgesetzt wurde. Anfang Februar wurde er in einem neu aufgerollten Prozess abermals zu fünf Jahren Haft auf Bewährung wegen Veruntreuung verurteilt.

Unumstritten ist Nawalny aller oppositioneller Verve zum Trotz aber auch unter Putin-Gegnern nicht. Auch deshalb, weil sich der Jurist, der mittels Stipendium an der US-Eliteschmiede Yale studierte, jedenfalls in der Vergangenheit gerne rassistischer Parolen bediente, etwa gegen Einwanderer aus Zentralasien und dem Kaukasus. Neuerdings geht er ausländerfeindlichen Aufmärschen, die er früher noch an vorderster Front begleitet hat, aus dem Weg.

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Tausende gingen auf die Straße, hier in St. Petersburg.

Und während nach dem Seljonka-Anschlag im Frühling gemutmaßt wurde, Nawalny würde seine Augenoperation in Barcelona gleich dafür nutzen, sich den Repressalien des Putin-Regimes zu entziehen, kehrte Russlands prominentester Oppositioneller doch wieder nach Moskau zurück. Und das, obwohl ihm die Regierung doch eigens für die Reise nach fünf Jahren einen Reisepass ausgestellt hatte. Kaum zurück, macht Nawalny dort weiter, wo er aufgehört hat. (Florian Niederndorfer, 13.6.2017)

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