Warum Rollenstereotype eine Renaissance erleben

Gastkommentar16. Juni 2017, 13:20
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Gleichstellung ist noch immer Zukunftsmusik. Gespielt wird Homogenität statt Vielfalt. Die Gründe dafür

Studien und die direkte Erfahrung aus der Praxis zeigen es schwarz auf weiß: Diversity macht Sinn, aus dem wirtschaftlichen und dem gesellschaftlichen Blickwinkel. Diversity meint in diesem Zusammenhang Vielfalt – nach Geschlecht, Herkunft und vielen anderen persönlichen Eigenschaften.

Unternehmen, die sich nicht bewusst mit der Gleichstellung der Geschlechter auseinandersetzen, nutzen das verfügbare Arbeitskräftepotenzial nicht vollständig aus. Dem vielzitierten Fachkräftemangel und den geburtenschwachen Jahrgängen werden wir aber nur entgegenwirken können, wenn wir echte Gleichberechtigung im Arbeitsleben schaffen.

Die jungen Arbeitskräfte der Generation Y sehen die fehlende Gleichberechtigung sehr kritisch. So mag in der aktuellen Mercer-Studie Wien erneut den ersten Rang als lebenswerteste Stadt einnehmen, in einer Studie unter Millennials erreicht unsere Hauptstadt jedoch nur Platz 29. Ein Hauptgrund: das schlechte Abschneiden in puncto Geschlechtergleichstellung.

Zukunftsmusik Gleichstellung

Ungeachtet der belegten Notwendigkeiten ist jegliche Form von Gleichstellung in Österreich und den meisten Ländern der aufgeklärten, westlichen Welt leider noch immer reine Zukunftsmusik. Die Realität ist seit Jahren unverändert: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sind mit einem Gender Pay Gap von rund 22 Prozent enorm, die Führungsetagen noch immer männlich dominiert und die vielstrapazierte "gläserne Decke" ist traurige Realität. Anstatt dass es zu einer spürbaren Veränderung kommt, zementiert sich die Ungleichheit immer mehr ein. Damit einher geht eine zunehmende Resignation der betroffenen Gruppen.

Immer öfter werde ich gefragt: Warum gibt es noch so viel Ungleichheit? Warum ändert sich nichts, wenn es doch eigentlich auch wirtschaftlich sinnvoll wäre?

Keine schlichte Formel

Zugegeben, die Antwort ist vielschichtig und schwer eingrenzbar. Damit gestaltet sich auch die Lösung des Problems schwierig.

Eine Hauptursache für die fehlende Bereitschaft, etwas gegen die anhaltende Ungleichheit zu tun, liegt in der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung begründet. Man braucht sich nur einmal die Online-Foren von führenden österreichischen Medien zu Gemüte führen. Sobald ein Artikel zum Thema Gleichberechtigung erscheint, bricht unter den meist männlichen Lesern eine ungehemmte, unreflektierte, diskriminierende Diskussion aus, die nicht selten in Hasstiraden gegen Frauen, Flüchtlinge und andere vermeintliche Randgruppen mündet. Die Lektüre dieser Postings ist unzumutbar und bringt zumindest mich an die Grenze des Erträglichen. Frauen, die im öffentlichen Leben stehen, sehen sich mit direktem Hass und Bedrohungen konfrontiert, denen auf juristischem Wege nur schwer entgegengewirkt werden kann.

Forcierte Polarisierung

Vor dem Hintergrund einer solch aufgeheizten Stimmung ist ein faktenbasierter Diskurs unmöglich. Diversity wird zu einem so heißen Eisen, dass sich kein Entscheidungsträger mehr traut, dieses anzugreifen. Anstrengungen solch ausufernden Diskussionen Einhalt zu gebieten sucht man vergebens, ganz im Gegenteil wird die Polarisierung von vielen Seiten forciert und offenbar gerne billigend in Kauf genommen.

Ein weiterer Grund für anhaltende Ungleichheit sind tradierte Rollenbilder. Lange dachte man, dass diese Stereotype aufgebrochen werden können, seit einigen Jahren erfahren sie aber wieder eine Renaissance. Da bleibt für Vielfalt und zeitgemäße Zugänge nicht viel Platz. Auch viele Frauen ziehen sich, oftmals wissend ob der schwierigen Ausgangssituation, auf vermeintlich bequemere althergebrachte Standpunkte zurück.

Auf Unternehmensseite gibt es eine durchaus menschliche, nachvollziehbare Ursache für anhaltende Homogenität. Gerade in der Führungsebene beobachten wir dieses Phänomen immer wieder. Menschen neigen tendenziell zur Selbstähnlichkeit – Männer suchen sich Männer als Kollegen, sowohl Junge als auch Ältere bleiben gerne unter sich, Menschen mit ähnlichem gesellschaftlichem Background gesellen sich zueinander. Gerade weil das menschlich nachvollziehbar und vor allem bekannt ist, sollten wir diesem Muster bewusst entgegenwirken. Denn Ähnlichkeit ist nicht nur vermeintlich bequem, sie reproduziert auch die immer gleichen und nicht unbedingt besten Ergebnisse.

Zahnlose Paragrafen

Nun kann man entgegenhalten, dass es bereits ausreichend gesetzliche Regeln und Richtlinien gibt, die die Gleichstellung gewährleisten sollten, angefangen von Einkommenstransparenzberichten bis hin zu Frauenquoten in vielen Bereichen. Die Betonung liegt hier leider auf dem Konjunktiv. Denn noch immer sind die gesetzlichen Vorgaben zahnlos. Auch wenn Regulierung in vielen Bereichen der Wirtschaft hemmend wirkt, bei diesem Thema braucht es klare Gesetze, die spürbare Sanktionen bei Nichteinhaltung vorsehen. Nur wenn beispielsweise die Nichtveröffentlichung von Einkommenstransparenzberichten oder das Nichteinhalten von Quoten auch empfindliche Strafen oder Konsequenzen zur Folge haben, werden die Regeln auch eingehalten.

Gegengewichte schaffen

Sich für mehr Diversität und ein offeneres gesellschaftliches Klima einzusetzen, bedeutet das Bohren sehr harter Bretter. Dennoch dürfen wir nicht müde werden, die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens zu erklären. Wir müssen gerade im wirtschaftlichen Umfeld mehr Diversität und Inklusion ermöglichen. Unternehmen müssen mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie erfolgreich diverse Teams sein können. Best Practices gibt es trotz schwieriger Rahmenbedingungen zuhauf. Diese Erfolgsgeschichten müssen aber auch erzählt werden. Nur so kann ein Gegengewicht zum unreflektierten Verharren in tradierten Denkmustern geschaffen werden. Wir müssen uns weiterhin offen und vielseitig der Diskussion stellen. (Gundi Wentner, 16.6.2017)

Gundi Wentner ist Partnerin der Deloitte Human Capital in Wien.

  • Anhaltende Homogenität in Unternehmen und neue, alte Rollenklischees – warum? Simple Erklärungen reichen nicht
    foto: ap

    Anhaltende Homogenität in Unternehmen und neue, alte Rollenklischees – warum? Simple Erklärungen reichen nicht

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