Russisches Gas soll via Schwarzes Meer nach Österreich kommen

13. Juni 2017, 07:14
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Die Pipeline South Stream wird von OMV und Gazprom wiederbelebt, die Ukraine neuerlich umgangen

Wien – Russlands Gasvorkommen und deren Verwendung in Europa rücken wieder einmal in den Blickpunkt. Diesmal geht es nicht um den zweiten Strang der Ostseepipeline Nord Stream und die vom Projekt verursachten Kalamitäten innerhalb der Union. Nein, es geht um die Wiederbelebung einer längst tot gewähnten Pipeline durch das Schwarze Meer, über die nicht nur Südosteuropa von der russischen Gazprom versorgt werden soll. Größter Nutznießer der reanimierten South-Stream-Pläne wären die OMV und Österreich als Gas-Knotenpunkt.

Doch der Reihe nach: Als Bundeskanzler Christian Kern vor zehn Tagen Präsident Wladimir Putin in St. Petersburg traf, wurde viel über den Ausbau einer Breitspurbahn gesprochen, auch kleinere Vorhaben im Flüssiggasbereich waren Thema.

Geheimhaltung

Über den ganz großen Deal wollten weder Kern noch OMV-Chef Rainer Seele etwas sagen. Kein Wunder. Eine Realisierung wäre nicht nur wirtschaftlich weitreichend, sondern hätte auch geopolitische Implikationen. Solange nicht alles unter Dach und Fach ist, gilt daher höchste Geheimhaltungsstufe.

Im Endeffekt geht es bei dem Vorhaben um ein Comeback der Gaspipeline South Stream in abgespeckter Form, die 2014 von Bulgarien auf Druck der EU begraben wurde. Auch die USA sollen massiv auf das Ende des Projekts gedrängt haben, nachdem Russland die Krim annektiert hatte. Die Leitung hätte am Grund des Schwarzen Meeres vom südrussischen Anapa nach Warna führen und 63 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach Europa pumpen sollen. Das entspricht fast dem Zehnfachen des österreichischen Gasverbrauchs.

Türkei sprang ein

Doch rasch nach dem Aus von South Stream sprang die Türkei ein: Seit dem Frühjahr werden die Röhren von Anapal in Richtung Kiyikpy im europäischen Teil der Türkei verlegt, ab 2019 sollen dann rund 16 Milliarden Kubikmeter bis zum Hub Luleburgaz gepumpt werden.

In weiterer Folge wird es aus österreichischer Sicht spannend: Während der erste Strang auf die Versorgung der Türkei ausgerichtet ist, sollen weitere Pipelines Europa mit Gas beliefern. In einem zweiten Schritt ist die Verdoppelung der Kapazitäten von Turk Stream angedacht. Und hier will die OMV zuschlagen. Das Gas soll über den Ausbau der Leitungskapazitäten in Bulgarien, Serbien und Ungarn in Richtung Österreich zum Verteilerknoten Baumgarten strömen. Gazprom ist dem Vernehmen nach bereit, das Gas der OMV zu verkaufen.

Knoten Baumgarten

Von Niederösterreich aus würde der teilstaatliche Konzern große Mengen weiterleiten. Einer der Zielmärkte: Italien. Über die Trans-Austria-Gasleitung wollen die Österreicher ihre Transitgebühren sichern und ausbauen. Diese Einnahmen wären möglicherweise gefährdet, wenn sich Italien selbst über die Trans-Adria-Pipeline mit russischem Gas eindecken würde. Derzeit gibt es Anzeichen, dass sich die OMV durchsetzt.

Durch sind die Pläne noch nicht, allerdings machen sich einige Transitländer für South Stream light stark. Ungarn und Serbien würden sich für das Projekt bei der EU-Kommission einsetzen, erklärte der ungarische Außenminister Peter Szijjarto vor ein paar Tagen laut Nachrichtenagentur MTI. Gazprom und OMV halten sich mit Kommentaren zurück. Lediglich eine mögliche Zusammenarbeit "zur Entwicklung einer Gastransportinfrastruktur, die für Erdgaslieferungen nach Zentral- und Südosteuropa erforderlich ist", wird bestätigt.

EU-Sorgen

Brüssel kommt dabei eine große Bedeutung zu. Einerseits stieß sich die EU-Kommission an Plänen, die Ukraine als Transitland zu umgehen, andererseits pocht man auf die Einhaltung der Energiemarktregeln. Die besagen u. a., dass der Inhaber der Leitung und des Gases nicht ident sein darf. Dieses Problem wäre freilich gelöst, wenn die Gazprom-Pipeline in der Türkei enden würde und dort andere übernehmen. (Andreas Schnauder, 13.6.2017)

  • Hatten in St. Petersburg viel zu bereden: Kanzler Kern, OMV-Chef Seele und Gazprom-Boss Miller (von links).
    foto: apa/bka/ andy wenzel

    Hatten in St. Petersburg viel zu bereden: Kanzler Kern, OMV-Chef Seele und Gazprom-Boss Miller (von links).

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