Taqiyya – und die Lizenz zum Differenzieren

Kommentar der anderen12. Juni 2017, 17:22
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In der Debatte über den Islam und dessen angebliche Erlaubnis für Gläubige, über ihre Ansichten zu täuschen, herrschen einige Missverständnisse vor. Ein paar Anmerkungen zur Aufklärung

Ja, die Wahrheit! Das ist ja wohl fürs Allererste das Gegenteil von Unwahrheit, könnte man meinen. Die Unkenntnis von Wahrheit wird oft mit Begriffen wie "Naivität", "Einfalt" oder gar "Dummheit" umschrieben. Die Wahrheit bewusst zu verheimlichen, in ihr Gegenteil umzukehren und Unwahres absichtlich als Wahrheit auszugeben fällt in Kategorien wie "Lüge", "Betrug" und "Hinterlist". Der STANDARD hat in Zeiten von Fake-News beschlossen, seine Pfingstwochenendausgabe (vom 3. Juni 2017) der "Wahrheit" zu widmen.

Die Korrespondentin des STANDARD aus Kairo, Astrid Frefel, hat darin ein bei uns eher wenig bekanntes Phänomen aus der kulturellen Welt des Islams aufgegriffen – den Begriff "Taqiyya". Hans Wehr (arabisches Standardwörterbuch) gibt dafür "Furcht" und "Vorsicht" an; darauf folgt erläuternd: "(bei den Schiiten) Verheimlichung des religiösen Bekenntnisses (bei Zwang oder drohendem Schaden)".

Der faktische Hintergrund: In den ersten Jahrhunderten des Kalifats der Dynastie der Abbasiden (749–1258) hatten einige Minderheitengruppen, die der schiitischen Richtung des Islams zugerechnet wurden und inquisitorischen Repressalien sunnitischer Machtinhaber ausgeliefert waren, postuliert, ihre abweichenden Überzeugungen gegenüber der (Mehrheits-)Öffentlichkeit zu verbergen. In der zwölferschiitischen Rechtslehre hat der sechste Imam dieser konfessionellen Gruppe Dscha'far as-Sadiq (er starb im Jahr 765) solchem Verhalten ausdrücklich rechtlichen Aplomb gegeben.

Mit dem Machtantritt der sogenannten Safaviden-Dynastie in Iran (1502) war dieses speziell schiitische Problem obsolet: Damals wurde in Persien die "Zwölferschia" zum dominanten religiösen Bekenntnis. Jegliche weitere "Verstellung" war also hinfällig geworden. Der praktische, gesellschaftliche Gehalt (islamischer) theologischer Debatten über "taqiyya" war irrelevant. Davor war "taqiyya" zuweilen ein polemisch eingesetzter Kampfbegriff sunnitischer Theologen gewesen.

Wer immer sich heutzutage als Nichtmuslim mit diversen Erscheinungsformen des Islams, mit Theologie und Philosophie, Kunst und Schrifttum in aller Welt befassen will, der oder dem sei der von Rainer Brunner im Verlag Kohlhammer 2016 herausgegebene Sammelband Islam. Einheit und Vielfalt einer Weltreligion ans Herz gelegt. Circa 30 Wissenschafterinnen und Wissenschafter behandeln darin das Phänomen "Islam" aus vielfältiger Sicht aktueller europäischer Islamexpertise – nicht aus der Perspektive der Gläubigen, aber geprägt von intensiver Beschäftigung mit islamischen Fragen. Das Wort "taqiyya" kommt in dem dicken Buch nur ein einziges Mal vor!

In ihrem Beitrag beschreibt Frau Frefel ("Taqiyya oder die Lizenz zum Lügen?") das so benannte Prinzip hingegen unter Berufung auf diverse Koranstellen etc. als ein Gebot für gläubige Muslime jeglicher konfessioneller Richtung, zur Behütung des Glaubens und der Gemeinschaft der Gläubigen Nichtmuslimen gegenüber bewusst die Unwahrheit zu sagen. Also ein impliziter muslimischer Kontrast zum achten Gebot der Christenheit? Sie stellt "taqiyya" als bedeutsames Instrument aus der Werkzeugkiste heutiger Muslime in der Auseinandersetzung und im Dialog mit westlichen Nichtgläubigen dar, mit dem diese über wahre muslimische strategische Ziele getäuscht werden können, womöglich auch sollen! Sollte das den Experten allesamt verborgen geblieben sein?

Sie beschreibt ein Erlebnis im Irak: Ein lokaler (sunnitischer) "Stammesscheich" habe ihr in der Stadt Samarra Zeugnisse eines Angriffs amerikanischer Soldaten gezeigt, bei dem grundlos 54 seiner Leute ums Leben gekommen seien. Ihrem irakischen Begleiter habe er allerdings danach stolz erläutert, "seine Mannen" hätten "aus allen Rohren" zur Abschreckung auf die Amerikaner gefeuert – "das brauche die fremde Journalistin ja nicht zu wissen". Eine übliche Verschleierungstaktik des Scheichs? Mitnichten. Nach Astrid Frefel betrieb er bewusst gottgefällige "taqiyya". War ihr Begleiter, der ihr die Wahrheit verraten hatte, hingegen weniger fromm?

Islamfeindliche Foren

In allerlei explizit islamfeindlichen Internetforen grassiert "taqiyya" bei jeder Gelegenheit. Ein Beispiel dafür bietet Detlef Löhde, protestantischer Pfarrer und Theologe aus Hannover. Ihm liegt die polemische Auseinandersetzung mit anderen Religionen deutlich mehr am Herzen als der "interreligiöse Dialog". Unter www.biblisch-lutherisch.de finden wir seinen vierseitigen Beitrag unter dem Titel "Muslimische Taktik der List – Taqiyya (Glauben und Absichten verbergen, sich verstellen)".

Er enthält eine zugespitzte Beschreibung aller Thesen, die Astrid Frefel vorstellt. Außerdem begegnen wir dort auch einschlägigen Thesen bezüglich Fragen der Evolution, einem Artikel mit dem Titel "Dürfen Christen Blutwurst essen?" und einer Anleitung, wie ordentliche Christen Muslimen das Christentum nutzbringend erläutern sollen (das kommt schon an den Rand der postulierten "taqiyya" von der anderen Seite her!).

Der Wiener Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker hat jüngst wieder einmal hervorgehoben, dass (sunnitischer!) Jihadismus und Salafismus aktuelle Phänomene der Moderne seien. Der antischiitische "Taqiyya"-Vorwurf wird in solchen Kreisen heutzutage zuweilen wieder propagandistisch aufgewärmt. Ihn von westlicher Seite her den gläubigen Muslimen insgesamt als Mittel im Kampf gegen die "westlichen Ungläubigen" in die Schuhe zu schieben bedeutet, diese pauschal als Anhänger eines "Lügenpropheten" und einer "Lügenethik" zu diffamieren.

Ringparabel vergessen

Die Tradition der Aufklärung kommt hier unter die Räder, Lessings Ringparabel dürfen wir vergessen! Das trägt allenfalls dazu bei, die geradezu psychopathisch verkündeten Vorurteile salafistischer Extremisten über alle Europäer als "Kreuzfahrer" durch eine derartige antiislamische "Power"-Argumentation indirekt zu bestätigen. Ein nützlicher Beitrag zu einer der "Wahrheit" gewidmeten Nummer des STANDARD war das wohl nicht. (Bert Fragner, 12.6.2017)

Bert Fragner war Direktor des Instituts für Iranistik an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und zuvor Professor in Freiburg, Berlin und Bamberg.

  • Das spiralförmige Minarett der großen Moschee in Samarra, Irak. In der Zeit der Herrschaft der Bauherren aus der Abbasiden-Dynastie versuchten sich Minderheiten vor sunnitischen Repressalien zu schützen.
    foto: picturedesk/freedman

    Das spiralförmige Minarett der großen Moschee in Samarra, Irak. In der Zeit der Herrschaft der Bauherren aus der Abbasiden-Dynastie versuchten sich Minderheiten vor sunnitischen Repressalien zu schützen.

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