Rosa Barba: Charmantes Zelluloid

13. Juni 2017, 09:00
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Die dramaturgisch klug konzipierte Schau "Spacelength Thought" der deutsch-italienischen Künstlerin in der Secession ist eine sehenswerte Hommage an das analoge Bewegtbild. Mit Choreografie und Musik

Wien – Ein Leuchtkasten, kein Film eröffnet die Ausstellung: Durch diesen schlängelt sich – angetrieben von einem Motor – ein transparenter Filmstreifen. Dieser schert immer wieder mal aus, macht wilde Kringel und erzählt insofern von der Materialität von Zelluloid, als dass dieses, einmal von der Rolle gelassen, nicht mehr so leicht zu bändigen ist.

"Coupez ici" (2012), also "hier schneiden", heißt der skulpturale "Vorspann" zur Ausstellung "Spacelength Thought" von Rosa Barba in der Secession: Mit ihrer Arbeit bewegt sich die deutsch-italienische Künstlerin zwischen experimentellem Dokumentarfilm und fiktionaler Erzählung, zwischen der Beschäftigung mit den materiellen Eigenschaften von Zelluloid und dem Sichtbarmachen der Filmapparatur.

Landschaft und Industrie

Zunächst bleibt diese jedoch noch im Hintergrund: Die beiden Filme "Somnium" (2011) und "Disseminate and Hold" (2016) werden in einer fast klassischen Black Box präsentiert, und zwar nacheinander, was dem Kinovorführmodus entspricht und für die Betrachter von Vorteil ist. Denn obwohl in beiden Filmen das Atmosphärische dominiert, teilen beide Arbeiten doch einen vergleichbaren Blick auf das Verhältnis von Landschaft und Industrie, der in "Somnium" (2011) auf Maasvlakte gerichtet ist: Es handelt sich dabei um ein riesiges Erweiterungsgebiet des Hafens von Rotterdam, in das sich die industrielle Nutzung in Form von Gitterstrukturen, Rohren oder künstlichen Seen eingeschrieben hat.

Parallel zu den Aufnahmen dieser befremdlichen Landschaft liest eine Voice-over Auszüge aus dem Roman "Somnium" von Johannes Kepler. Der Mathematiker hat darin 1608 eine fiktive Mondfahrt beschrieben, um zu vermitteln, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist. Leider, und daran lässt der Film keinen Zweifel, ist die Message nicht angekommen: Einziger Protagonist von "Somnium" ist ein Imker, der in dem surreal-unwirtlichen Gebiet der Pflege seiner Bienen nachgeht.

Schwebender Charakter

Auf solche Momente des Widerständigen richtet auch der Film "Disseminate and Hold" den Fokus: Im Zentrum steht die Stadtautobahn Minhocão ("großer Wurm"), die sich seit 1969 durch São Paulo zieht. Mit Found-Footage und selbstgedrehtem Material erzählt der Film vom brutalen städtebaulichen Eingriff der damaligen Militärdiktatur, aber auch, dass die Anrainer die Straße zurückerobert haben: Man sieht, wie an autofreien Sonntagen auf der Straße getanzt wird, und hört gleichzeitig Zitate des brasilianischen Künstlers Cildo Meireles, eines wichtigen Regimekritikers, der darin die Relevanz kritischer Öffentlichkeiten verhandelt.

In der dramaturgisch klug durchkonzipierten Schau führt die Künstlerin die Betrachter, je weiter man in die Ausstellung vordringt, immer näher an die Produktions- und Lagerstätten von Kunst heran: "Enigmatic Whisper" (2017), ihr jüngster Film, hat Rosa Barba ins Atelier von Alexander Calder geführt. Dieser dreht sich buchstäblich um Calders kinetische Skulpturen, wobei Barba den schwebenden Charakter ihrer poetischen Aufnahmen zudem von dem Mouse-on-Mars-Musiker Jan St. Werner vertonen ließ.

Im letzten Raum intensivieren sich die experimentellen Töne, gleichzeitig rückt Barba die filmische Apparatur noch stärker ins Bild: als Basis von Skulpturen, aber auch in Form eines Projektors mit Abwickelteller, auf dem "The Hidden Conference: About the Shelf and Mantel" (2015) läuft. Die Künstlerin hat den 35-mm-Film im Gemäldedepot der Londoner Tate aufgenommen. Das klingt nun nicht so wahnsinnig spannend. Allerdings hat sich Barba eine Choreografie überlegt, die aus der Montage der dort gelagerten Meisterwerke und einem Tanz der Regale eine überaus bildgewaltige, sinnliche Aufführung macht. (Christa Benzer, 13.6.2017)

Bis 25. 6., Gespräch mit R. Barba am 20. 6.

www.secession.at

  • Wer sich noch an ihn erinnern kann, der weiß auch: Einmal von der Rolle gelassen,  war ein sogenannter Filmstreifen nicht mehr so leicht zu bändigen.
    foto: oliver ottenschläger

    Wer sich noch an ihn erinnern kann, der weiß auch: Einmal von der Rolle gelassen, war ein sogenannter Filmstreifen nicht mehr so leicht zu bändigen.

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