Schweizer Handelsflotte in Seenot

13. Juni 2017, 10:00
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Seit Jahrzehnten durchpflügen Schweizer Handelsschiffe die Meere. Nun muss sich die Schweiz von ihrer Marine verabschieden. Sie ist ein Risiko für die Staatsfinanzen

Genf – Mitten auf dem Meer zog ein Seemann am 9. April 1941 erstmals die Schweizer Flagge hoch. Verkleidet war er als römischer Meeresgott Neptun mit Krone und Dreizack. Durch die Zeremonie an Bord des Schiffes "Calanda" sollte Helvetien sichtbar in den Kreis der Seefahrernationen eintreten. Zehn Tage später, so berichtet die Neue Zürcher Zeitung, musste das Hissen offiziell im italienischen Hafen Savona wiederholt werden.

Das kleine Binnenland reagierte mit der Gründung einer eigenen kommerziellen Hochseeflotte auf die Stürme des Zweiten Weltkrieges: Dem neutralen Staat drohte eine scharfe Versorgungskrise, Schiffe unter Schweizer Flagge sollten die Lieferung von Lebensmitteln, Rohstoffen und Futter sicherstellen.

Bund haftet für die Schiffe

Seitdem bauten die Eidgenossen den größten maritimen Verband eines Landes ohne eigenen Meer-Zugang – eine Leistung, die selbst in der Schweiz lange kaum beachtet wurde. Nach Kriegsende verkaufte der Bund seine Flotte. Die Schiffe gehören inzwischen sechs privaten Reedereien. Doch der zentrale Auftrag der Landesversorgung blieb bestehen. Um diesen zu erfüllen und einen ausreichenden Bestand an Hochseeschiffen zu sichern, garantiert der Bund für diese Schiffe. Zuletzt gab es 49 Handelsschiffe wie der Öltanker "SCT Matterhorn" mit einer Ladekapazität von zusammen 1,7 Millionen Tonnen.

Doch nach mehr als 75 Jahren gerät die ehedem stolze rot-weiße Marine in schwere See. Ein gutes Dutzend Frachter wurden weit unter Wert verscherbelt, die Eidgenossenschaft muss als Bürge rund 200 Millionen Euro zuschießen, das Parlament genehmigte zähneknirschend den nötigen Nachtragskredit. "Der Verkauf der Schiffe mit Inkaufnahme eines hohen Verlustes für den Bund als Bürgen erwies sich immer klarer als der einzig gangbare Weg", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Das Feilbieten aller Schiffe können die Beamten nicht ausschließen.

Unrentable Flotte

Seit den 50er-Jahren springt der Alpen-Staat mit Bürgschaften für Schiffe ein, die mit der Schweizer Flagge die Weltmeere durchpflügen. Im Gegenzug kann die öffentliche Hand die privaten Objekte beschlagnahmen, um das Überleben des Schweizervolkes in Krisen zu sichern. Heute belaufen sich die Bürgschaften auf weit mehr als 700 Millionen Euro. Die Flotte fährt nicht rentabel.

Seit gut zehn Jahren steckt die gesamte Hochseeschifffahrt in einer tiefen Krise: Überkapazitäten und sinkende Frachtraten machen den Reedern zu schaffen. Bei den eidgenössischen Eigentümern wie "Enzian" in Zürich schlagen zudem die hohen Personalkosten zu Buche. Die rund tausend Matrosen und Offiziere an Bord der Schweizer Schiffe verdienen deutlich mehr als die Kollegen, die unter Billigflaggen anheuern. Hohe Offiziere kommen nach Angaben der Seeleutegewerkschaft Nautilus auf 4.800 Euro pro Monat.

In Zukunft müssen die Schweizer Seebären den Gürtel wohl enger schnallen. (Dirk Herbermann aus Genf, 13.6.2017)

  • Die Schweizer haben den größten maritimen Verband eines Landes ohne eigenen Meereszugang. Jetzt schwappen die Wellen darüber hinweg.
    foto: schweizerische post ag

    Die Schweizer haben den größten maritimen Verband eines Landes ohne eigenen Meereszugang. Jetzt schwappen die Wellen darüber hinweg.

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