Piatnik-Chef: Internetgames sind nichts zum Lachen

12. Juni 2017, 15:00
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Glück braucht es nicht nur beim, sondern auch im Verlegen von Spielen. Ein Blick in die Karten des Piatnik-Geschäftsführers Dieter Strehl

Wien – Wenn es seine Zeit erlaubt, beschäftigt sich Dieter Strehl mit Marabus, Kakadus und Uhus. Nicht weil er als Hobbyornithologe Federvieh besonders gern mag. Sondern weil er als langjähriger Tarockspieler um den Boni-Wert der Vogerln nur allzu gut Bescheid weiß.

Spielkarten gehören für den 57-jährigen Wiener zum Lebenselixier. Was beim Ururenkel von Ferdinand Piatnik auf der Hand liegt: Den 1819 in Ofen (heute Budapest) geborenen Kartenmaler hatte es auf der Walz nach Wien in die 1824 von Karl Moser gegründete Kartenmacherwerkstatt verschlagen. Nach dessen Tod 1843 ehelichte er die Witwe und übernahm unter seinem Namen das Unternehmen.

Mehr als 100 Spielkartenerzeuger habe es im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte in Österreich gegeben, erzählt Strehl. Mit so vielen Konkurrenten muss er sich heutzutage nicht mehr herumschlagen. Die Herausforderungen für einen Spielkarten-, Brettspiel- und Puzzleverleger in Österreich sind numerisch weniger, doch nicht kleiner geworden.

Verlagsverkauf: Kein Thema

Nur noch an die zehn Spielkartenhersteller existierten in Europa, berichtet der Piatnik-Chef. Viele davon, wie etwa die traditionsreiche deutsche Altenburger, gehörten seit geraumer Zeit der belgischen Catmundi. Die Konzentration in der Branche schreite voran. Zum Stich kommen habe bei Piatnik schon mancher Konkurrent wollen. Doch ein Verkauf sei für das Durch-und-durch-Familienunternehmen kein Thema.

"Es ist nicht unbedingt ein Vorteil, in Österreich zu sitzen, da große Handelsunternehmen aus Deutschland den Markt bestimmen", sagt Strehl, der seit 1995 das Unternehmen leitet. In allen Ländern der Ex-Monarchie Österreich besitze die Marke Piatnik einen legendenhaften Ruf.

Nur nicht bei den deutschen Nachbarn. Eine Distanz, deren Hintergrund sich nicht nur in der trennenden Sprache, sondern auch in unterschiedlichen Kartenblättern ausdrückt, wie passionierte Spieler in Österreich ironisch bemerken könnten. Wird doch hierzulande seit den 1830er-Jahren mit "doppeldeutschen" Karten (bebildert mit Figuren aus der Wilhelm-Tell-Sage) statt "deutschem" Blatt gezockt.

foto: ho
Täglich werden in der Fabrik in Wien-Penzing 10.000 Brettspiele und 100.000 Kartenpackungen gedruckt, zusammengefügt und verpackt.

Internet: (K)ein Kontrahent

Doch es sind ganz andere Gründe, warum das Geschäft des traditionellen Spielzeugerzeugers (seit 1956 werden auch Brettspiele, seit 1966 Puzzles verlegt) kein Kinderspiel mehr ist. "Es wird zunehmend über das Internet verkauft. Die Spielzeughändler können sich diesem Sog von Amazon und Co und dem damit verbundenen Verpackungsirrsinn nicht entziehen", sagt Strehl. Wie in anderen Branchen auch, leide der stationäre Handel darunter – der durch seine Beratung gar manchem zum passenden Spiel verhelfe. Denn: "Die Leute greifen lieber zu etwas, das ihnen bekannt vorkommt."

In einer Hinsicht ist das Internet, anders als anfangs erwartet, keinesfalls Kontrahent der Branche: "Online-Games haben unseren Markt nicht beeinträchtigt", stellt der Piatnik-Nachfahr fest. Es würden mehr klassische Spiele gekauft als je zuvor. Wie er sich das erklärt? "Internetgames sind vielleicht spannend und herausfordernd, aber haben Sie dabei schon jemand vor dem Bildschirm mal Tränen lachen sehen?"

"Man nimmt nur, was erfolgreich wird"

Eine der kitzligsten Entscheidungen ist für den im STANDARD-Interview stoisch wirkenden Firmenchef die Qual der Wahl unter den rund 1000 Vorschlägen von Spieleautoren, die jährlich am Firmensitz im 14. Wiener Gemeindebezirk eingehen. 200 neue Artikel werden letztlich jährlich auf den Markt gebracht. Wie er dabei vorgeht?

foto: ho
Dieter Strehl (57) stieg mit 23 Jahren in den Familienbetrieb ein und leitet ihn seit 1995.

"Wie ein Buchverlag auch: Man nimmt nur das, was erfolgreich wird", blitzt in Strehl der Schalk hervor. Man brauche eine Nase dafür, die sei aber leider oft verstopft, seufzt er. Einen richtigen Riechkolben hatten die Piatnik-Verantwortlichen jedenfalls bei DKT (Das kaufmännische Talent) und Activity. Letzteres, ein Gesellschaftspiel, bei dem man Begriffe zeichnen, erklären oder pantomimisch darstellen muss, wurde seit seiner Erscheinung vor 27 Jahren in vielen Sprachen und Varianten mehr als 8 Millionen Mal verkauft.

Verlustfrei seit 1945

Gefertigt wird seit 1891 in Wien-Penzing. 80 der 114 Beschäftigten arbeiten in der Produktion, täglich werden 10.000 Brettspiele und 100.000 Kartenpackungen gedruckt, zusammengefügt und verpackt. Trotz einer Exportrate von 85 Prozent, große Wachstumssprünge ließen sich in der Branche nicht mehr machen, aber die Umsätze (2015/16 rund 26 Millionen Euro) hielten sich stabil. "Seit 1945 gab es kein Jahr mit Verlusten – das werden wir auch weiterhin so halten", pocht Strehl auf Familientradition. (Karin Tzschentke, 12.6.2017)

  • Der Spieleverlag Piatnik, der zum Großteil in Wien produziert, weist für seine Produkte eine Exportquote von 85 Prozent aus. Einer der Verkaufsschlager, das Unterhaltungsspiel Activity, wurde in mehr als fünf Sprachen übersetzt.
    foto: ho

    Der Spieleverlag Piatnik, der zum Großteil in Wien produziert, weist für seine Produkte eine Exportquote von 85 Prozent aus. Einer der Verkaufsschlager, das Unterhaltungsspiel Activity, wurde in mehr als fünf Sprachen übersetzt.

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