Brasiliens Spitzensport unter Dopingverdacht

11. Juni 2017, 11:30
30 Postings

ARD berichtete von zweifelhaften Praktiken des Arztes Júlio César Alves, der die Oberschenkel von Roberto Carlos zu dem gemacht haben will, was sie heute sind

Dem brasilianischen Spitzensport droht ein Dopingskandal, der möglicherweise auch ehemalige Fußball-Nationalspieler und Olympiamedaillengewinner des Landes erfasst. Roberto Carlos, bekannt für seine wuchtigen Freistöße und kraftvollen Torschüsse, steht nach Recherchen der ARD-Dopingredaktion als Spieler des Weltmeisterteams von 2002 im Verdacht, Patient eines Arztes gewesen zu sein, der Doping bei Sportlern praktiziert.

Die Recherche ist Teil der neuen Folge der ARD-Reihe Geheimsache Doping mit dem Titel "Brasiliens schmutziges Spiel", die am Samstagabend ausgestrahlt wurde. Darin geht es auch um mutmaßliche Versäumnisse und Unregelmäßigkeiten in der Dopingbekämpfung im Gastgeberland der letzten Fußball-WM und Olympischen Spiele.

200-Seiten-Bericht über Doping-Praktiken

Der Name des früheren Weltstars steht in einem Dossier, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur ABCD 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergeben hatte. Der mehr als 200 Seiten starke Bericht liegt der ARD-Dopingredaktion vor. Er dokumentiert detailliert die zweifelhaften Praktiken des Arztes Júlio César Alves.

Der Bericht zitiert dabei auch eine Person, die selbst Patient bei Alves war, und die gegenüber der Anti-Doping-Agentur als Zeuge ausgesagt hatte, im Juli 2002 Carlos in der Praxis von Alves gesehen zu haben. In einem Video, das von dem ARD-Team verdeckt gedreht wurde, behauptet der Mediziner Alves zudem selbst, dass er Carlos bereits im Alter von 15 Jahren behandelt habe. Er habe "die Oberschenkel von Roberto Carlos zu dem gemacht, was sie heute sind".

In Kontakt mit Profisportlern aus Brasilien und dem Ausland

Alves behauptet unterdessen weiter, dass er bis heute mit vielen Topsportlern zusammenarbeite, darunter immer wieder Profifußballer aus Brasilien und dem Ausland. Lockvögeln der ARD-Dopingredaktion verkaufte der Mediziner für knapp 3000 Euro kiloweise hochwirksame und gesundheitsgefährdende Hormonpräparate, die auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stehen. Anfragen zu einer möglichen Zusammenarbeit von Spielern der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft mit dem verdächtigen Arzt ließ der nationale Fußballverband CBF unbeantwortet.

Dass Alves offenbar Sportler gezielt mit Dopingmitteln versorgt, ist in Brasilien eigentlich seit Jahren bekannt. Bereits 2002 und 2013 prahlte der Arzt öffentlich mit seinem vermeintlichen Kundenstamm aus Olympiateilnehmern und Fußball-Nationalspielern. So behauptete er im brasilianischen Fernsehen, Olympia-Athleten mit Dopingsubstanzen zu behandeln. Zudem seien zwei Fußballer aus der Selecao im Vorfeld der Heim-WM 2014 bei ihm in Behandlung gewesen.

Brasiliens Sport war kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio bereits unter Generalverdacht geraten. Die WADA hatte bestätigt, dass im größten Land Südamerikas im Vorfeld der Spiele bei "führenden Athleten" keine Dopingtests mehr vorgenommen worden seien – auch auf Druck staatlicher Stellen.

Keine Kontrollen seit 2015

Brasiliens langjähriger Anti-Doping-Chef Marco Aurelio Klein erklärte dem ARD-Rechercheteam nun, dass es in Brasilien sogar viele Monate überhaupt keine Tests mehr gegeben habe. Demnach wurde Anfang Juli 2015 die letzte unangemeldete Trainingskontrolle der brasilianischen Anti-Doping-Agentur durchgeführt. "Danach wurde ihr im November sogar die Zulassung entzogen und sie konnte dann gar keine Tests mehr machen. (...) Das ist wirklich eine schreckliche Situation", erklärte Klein.

Luis Horta, der die Anti-Doping-Agentur zwei Jahre lang vor den Spielen beraten hatte, führte aus, dass auch das Nationale Olympische Komitee Brasiliens Druck ausgeübt habe. Horta: "Vor den Olympischen Spielen wurden wir unter Druck gesetzt, keine unangekündigten Dopingkontrollen durchzuführen. Ich habe erkannt, dass sie nicht dasselbe Ziel haben. Sie wollen Medaillen, Medaillen, Medaillen. Egal, ob sauber oder nicht."

Carlos weist Anschuldigungen zurück

Carlos hat mit einem offenen Brief auf den erhobenen Dopingverdacht reagiert. Der frühere Seleção-Star wies die Vorwürfe energisch zurück und drohte mit der Einschaltung von Anwälten. "Ich bestreite vehement die von der ARD gemachten Anschuldigungen und bekräftige, dass ich niemals auf Mittel zurückgegriffen habe, die mir einen Vorteil gegenüber meinen Kollegen hätten verschaffen können", erklärte der langjährige Außenverteidiger von Real Madrid. Weil er den im Bericht genannten Arzt nicht kenne, seien seine Anwälte schon eingeschaltet worden. Die ARD solle für ihre Anschuldigungen "vor Gericht und öffentlich" Beweise vorlegen. (sid, 11.6.2017)

  • Roberto Carlos soll zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben. Der frühere Seleção-Star weist die Vorwürfe jedoch zurück.
    foto: apa/afp/roslan rahman

    Roberto Carlos soll zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben. Der frühere Seleção-Star weist die Vorwürfe jedoch zurück.

    Share if you care.