Britische Wahlen: Die Jugend nahm Revanche für den Brexit

9. Juni 2017, 17:40
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Theresa May ist geschwächt und braucht als Partner die nordirischen Unionisten. Schon fragen sich die Ersten, wie lange sich die britische Premierministerin noch wird halten können

Niederlage? Welche Niederlage? Unverwandt schaut Theresa May an diesem Freitagmittag in die Kameras vor ihrem Amtssitz in der Downing Street 10. Natürlich ist von den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen die Rede, auch der Kampf gegen islamistische Extremisten findet Erwähnung. Und dann spricht die Premierministerin, ein wenig kurios, über ihre "Freunde und Alliierten". Will die 60-Jährige etwa die Europäer umschmeicheln? Nein: Gemeint sind die zehn Abgeordneten der nordirischen Unionistenpartei DUP. Mit denen werde sie fünf Jahre lang "im Interesse des Vereinigten Königreichs zusammenarbeiten", sagt die Frau im blauen Kostüm und verschwindet hastig mit Ehemann Philip hinter der berühmten Tür.

Ungläubig schauen sich die zurückbleibenden Journalisten an: Hat May tatsächlich die Unterhauswahl tags zuvor, ihre Demütigung durch die Wähler, mit keinem Wort erwähnt? Sprach da gerade die Vorsitzende jener Partei, die bis Mitte April mit eigener Mehrheit im Unterhaus regierte, bei der um drei Jahre vorgezogenen Wahl aber trotz Stimmengewinnen Mandate verloren hat, weshalb sie jetzt auf die Unterstützung protestantischer Fundamentalisten angewiesen ist?

Auf einen Schlag verdeutlicht May ihre fundamentale Schwäche: Von politischer Kommunikation versteht die hölzerne Regierungschefin wenig. "Bizarre Rede, falscher Ton, keine Demut", fasst eine Journalistin des linksliberalen "Guardian" zusammen. "Eigenartig", lautet das Urteil eines Kolumnisten der konservativen "Times". Dass May mit solchen Methoden wirklich eine ganze Legislaturperiode durchstehen kann, bezweifeln viele: "Da haben die Tory-Abgeordneten bestimmt andere Vorstellungen."

Die Mitglieder der Regierungspartei haben zu diesem Zeitpunkt den schlimmsten Schock bereits verdaut. Wie viele Angehörige der oppositionellen Labour Party mochten sie am Donnerstagabend nicht glauben, was die Prognose der großen TV-Sender verkündete: Mays Traum eines Erdrutschsieges ist an der Realität von Labour-Chef Jeremy Corbyns dynamischer Kampagne gescheitert.

Hinter vorgehaltener Hand

Gegen Mitternacht, erst 13 Wahlkreise sind ausgezählt, geht bei den Torys hinter vorgehaltener Hand schon die Diskussion über die Parteivorsitzende los. Ob Brexit-Vorkämpfer und Außenminister Boris Johnson eine neue Chance erhält? Oder gar Brexit-Minister David Davis?

Am Ende wagt sich keiner der ehrgeizigen Herren aus der Deckung. Die knapp wiedergewählte Proeuropäerin Anna Soubry ist gegen 4.30 Uhr die erste, bleibt aber auch die einzige Konservative, die offen die Premierministerin infrage stellt. "Unsere Kampagne war furchtbar", sagt die Abgeordnete aus der Nähe von Nottingham. "Theresa May muss ihre Position überdenken."

Das sieht Labour-Chef Jeremy Corbyn (68) ähnlich. Fröhlich lässt sich der Herr im dunklen Anzug und roter Krawatte in seinem Nordlondoner Wahlkreis Islington feiern. Er habe Politik immer als Vertretung für die Anliegen der Bürger verstanden, von diesen aber auch "viel gelernt", betont der Veteran von neun Wahlkämpfen und weist auf die höchste Beteiligung in seinem Wahlkreis seit 1951 hin. Damit benennt der Oppositionsführer auch einen der Gründe für seinen Erfolg: Corbyn hat es nicht nur geschafft, viele Junge für die Anliegen der Sozialdemokraten zu begeistern. Sie sind auch, anders als von vielen Meinungsforschern vorausgesagt, "zur Wahl gegangen", berichtet John Curtice, Politologe der Glasgower Strathclyde-Universität.

Das hat sensationelle Auswirkungen: Labour holt 40 Prozent der Stimmen (plus zehn) und gewinnt Mandate dazu. In Canterbury können die Sozialdemokraten dem seit 30 Jahren amtierenden Tory-Brexit-Befürworter Julian Brazier das Mandat abjagen – zum ersten Mal seit 99 Jahren wird die Uni- und Bischofsstadt nicht von einem Konservativen vertreten. In der Industriestadt Sheffield, die mittlerweile stark von ihren beiden Universitäten geprägt ist, holen sich die Sozialdemokraten einen noch prominenteren Skalp: Dort verliert der Ex-Vizepremier und liberaldemokratische Parteichef Nick Clegg sein Mandat.

In Schottland machen die Konservativen erfolgreich Jagd auf Großwild der Nationalpartei SNP, die seit dem Brexit-Votum ein zweites Unabhängigkeitsreferendum forciert. Unter ihrer dynamischen Parteichefin Ruth Davidson machen die schottischen Tories dagegen Front. Die Botschaft scheint anzukommen: Schon früh wird SNP-Fraktionschef Angus Robertson im lieblichen Whisky-Wahlkreis Moray erlegt. Am Morgen folgt dann der frühere Premier Alex Salmond. Clegg, Robertson, Salmond – dem neuen Unterhaus wird ein mächtiges proeuropäisches Dreigestirn fehlen.

Eine Handvoll Prominenter hatte den vorgezogenen Urnengang zum Abschied aus dem Parlament genutzt, ohne die Demütigung einer Wahlniederlage zu riskieren. Dazu zählt Ex-Finanzminister George Osborne, den die damals frischberufene Premierministerin im Juli brutal aus dem Amt jagte. Mittlerweile amtiert der smarte Tory-Reformer als Chefredakteur des Londoner "Evening Standard" und verbreitet an diesem Freitag eine Karikatur: Darauf ist ein nordirischer Protestant alter Prägung zu sehen, aus dessen Brusttasche gequält eine Mini-Theresa-May späht. Rache ist süß.

Eine andere Aussteigerin sieht distanziert zu: Vergangenes Jahr zählte die deutschstämmige Labour-Abgeordnete Gisela Stuart zu den prominenten Brexit-Vorkämpfern, jetzt redet sie am liebsten nur noch über das Baumhaus, das sie für ihre Enkel plant. Ihren Wahlkreis in Birmingham-Edgbaston hat für Labour Preet Gill erobert. Die erste Abgeordnete, die der Sikh-Religion angehört, wird nun im Unterhaus zwei bisher unterrepräsentierte Gruppen verstärken, die diesmal gut abgeschnitten haben: 51 Angehörige ethnischer Minderheiten werden das hohe Haus bevölkern, darunter auch Tanmanjeet Singh Dhesi, der erste Sikh-Turbanträger. Und statt bisher 191 tragen nun 206 Frauen (32 Prozent) zur Gesetzgebung des Landes bei.

Auf der Intensivstation

Der Kampf für Frauen hat Mays erste Parlamentsjahre geprägt. Wofür die Premierministerin heute steht, das sei ihm trotz längerer Beschäftigung mit der Parteifreundin unklar, gesteht Autor Matthew Parris der BBC. Eines aber glaubt der 67-Jährige zu wissen: Die Wahl komme "einer Revanche der Jugend für den Brexit" gleich. Im Namen der jüngeren Generation mobilisieren noch am Freitag Parteifreunde und Opposition gegen Mays harten Brexit samt Austritt aus Binnenmarkt und Zollunion. Der angesehene Historiker Simon Schama bringt es elegant auf den Punkt: Der harte Brexit sei tot, May liege auf der Intensivstation. Aber die Demokratie, "die ist quicklebendig – toll". (Sebastian Borger aus London,9.6.2017)

  • Obwohl ihre Partei wieder zur stärksten Gruppierung im britischen Unterhaus gewählt wurde, hatte Premierministerin Theresa May wenig zu lachen, wurde sie doch für den Verlust zahlreicher Mandate verantwortlich gemacht.
    foto: afp photo / adrian dennis

    Obwohl ihre Partei wieder zur stärksten Gruppierung im britischen Unterhaus gewählt wurde, hatte Premierministerin Theresa May wenig zu lachen, wurde sie doch für den Verlust zahlreicher Mandate verantwortlich gemacht.

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  • Ausgelassen feierte Arlene Foster (neben Ex-Parteichef Peter Robinson), Vorsitzende der Democratic Unionist Party, den Wahlabend: Ihrer Partei DUP wird in den nächsten Wochen und Monaten wohl eine Schlüsselrolle zukommen, da May auf sie angewiesen ist.
    foto: apa/afp/paul faith

    Ausgelassen feierte Arlene Foster (neben Ex-Parteichef Peter Robinson), Vorsitzende der Democratic Unionist Party, den Wahlabend: Ihrer Partei DUP wird in den nächsten Wochen und Monaten wohl eine Schlüsselrolle zukommen, da May auf sie angewiesen ist.

  • Gelöst zeigte sich Labour-Chef Jeremy Corbyn (rechts), der einen großen Rückstand wesentlich verkleinerte.
    foto: reuters/marko djurica

    Gelöst zeigte sich Labour-Chef Jeremy Corbyn (rechts), der einen großen Rückstand wesentlich verkleinerte.

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