Ein pinkes Statement

10. Juni 2017, 09:00
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Das Plattenspielerunternehmen Pink Triangle wollte mit seinen Produkten der homosexuellen Opfer des Naziregimes gedenken. Josef Kohouts Buch "Die Männer mit dem rosa Winkel" gab den Anstoß dafür. Eine gesellschaftspolitisch bemerkenswerte Unternehmung, betriebswirtschaftlich allerdings selbstmörderisch. Eine Hommage anlässlich des Life Ball 2017

Nach einjähriger Pause wird am 10. Juni wieder der Wiener Life Ball stattfinden. Diesmal mit dem politischen Motto "Recognize the Danger", das in das Berlin der 1920er-Jahre führt und dabei bereits auf den Schrecken verweist, der mit dem Nationalsozialismus folgte. Denn die Roaring Twenties waren beides, eine Epoche der gesellschaftlichen Toleranz und der Enttabuisierung der Sexualität, aber auch eine, in der sich der kommende Rückschlag bereits androhte.

Damit verweist das diesjährige Motto des Life Ball auf das dunkelste Kapitel der deutschen, aber auch der österreichischen Geschichte – wie schon das Gay Pride Movement. Denn seit den 1970ern nutzte es den rosa Winkel als Logo. Dieser von den Nazis als Schandmal erdachte auf der Spitze stehenden rosa Winkel wurde – um 180 Grad gedreht – zum Symbol für den Kampf gegen die fortdauernde Diskriminierung Homosexueller.

Politisch und wütend

Doch nicht nur die Schwulenbewegung hat den rosa Winkel hat für sich umgedeutet: Als 1979 Neal Jackson und Arthur Khoubesserian begannen, Plattenspieler zu produzieren, und einen Namen für ihr Unternehmen suchten, wollten auch sie ein Statement setzen. Es war eine andere Zeit: Punkrock und Provokationen waren auch Teil der Alltagskultur. Zwar waren weder Jackson noch Khoubesserian Punks, doch sie waren jung, politisch und wütend.

Wütend machte sie damals auch das Buch Die Männer mit dem rosa Winkel von Hans Heger. In ihm ist die Geschichte des Leidens des Österreichers Josef Kohout dokumentiert, das dieser von 1939 bis 1945 in Sachsenhausen und Flossenbürg erdulden musste. Zwei Konzentrationslager, in die er von den Nazis deportiert wurde, weil er einen Mann liebte. So beschlossen die beiden Firmengründer, mit jedem ihrer Produkte eines schwulen Opfers des Naziterrors zu gedenken. Doch da diese überwiegend unbekannt waren, wurde der rosa Winkel, den schwule KZ-Häftlinge tragen mussten, zum Namen ihres gemeinsamen bis zum Jahr 2003 bestehenden Unternehmens.

Ein offen schwules Unternehmen

Als Neal Jackson und Arthur Khoubesserian ihr Unternehmen Pink Triangle nannten, erlebte die Schwulenbewegung im angelsächsischen Raum gerade ihre ersten Erfolge, doch ein offen schwules Unternehmen war neu! Obwohl sich die Firmengründer als politische Menschen verstanden, blieben die programmatischen Aspekte beschränkt auf den provokanten Namen und das Ausführen von Geschäftspartnern in Lokale der Gay Community mit gutem Showprogramm: "They loved it!" Der Erfolg von Pink Triangle sollte deutlich machen, dass Schwule ganz normale Menschen sind.

Allerdings wies der Name Pink Triangle über die Verbrechen der Nazis hinaus. Denn das Buch Die Männer mit dem rosa Winkel machte deutlich, dass Josef Kohout während seiner Internierung keineswegs nur von überzeugten Nazis gepeinigt wurde. Das Regime der Nazis schuf einen verbrecherischen Staat mit mörderischen Folgen. Einen Teil der allgegenwärtigen Misshandlungen, die Kohout als Homosexueller zu erdulden hatte, begingen die sogenannten "normalen" Mitgefangenen, die keineswegs Nazis waren. Mitgefangene, die ihn misshandelten, seine Not ausnutzten, um sich sexuelle Dienstleistungen zu erkaufen, oder sie erzwangen. Danach – sexuell befriedigt – ihn als Schwulen beschimpften, den sie selber nur aus Mangel an Frauen benutzt hätten. Denn sie selber seien ja völlig "normal", ihr Opfer dagegen widernatürlich.

In diese Welt wurde der Österreicher Josef Kohout in einem Moment des persönlichen Glücks gestoßen: Aufgewachsen in einem humanistisch geprägten Elternhaus und bei einer Mutter, die sein Schwulsein akzeptierte, lebte er gerade in einer jungen glücklichen Beziehung mit einem Mann. Doch der "Anschluss" Österreichs und die folgende Verhaftung und Verurteilung zu sechs Monaten schwerem Kerker setzten dem ein brutales Ende. Aber der eigentliche Horror begann danach.

Keine Entschädigung

Denn Josefs Liebe Fred war der Sohn eines hohen Nazis. Doch hohe Nazis hatten keine schwulen Söhne! Daher kam Kohout nach seiner Kerkerhaft in die sogenannte Schutzhaft und wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Diese Deportation in ein Konzentrationslager empfand Josef Kohout als ein Todesurteil. Denn er hatte bereits im Kerker davon gehört, dass Schwule in den Lagern zu Tode gemartert werden.

Glücklicherweise überlebte Kohout beide KZ. Für ihn aber bedeutete das Ende der mörderischen Verfolgung durch die Nazidiktatur kein Ende der staatlichen Diskriminierung von Homosexuellen und schon gar nicht ihrer gesellschaftlichen Ächtung. So gab es für ehemalige schwule KZ-Häftlinge überwiegend keine Entschädigungen oder Anrechnungen der Haftzeiten auf die Pensionsansprüche. Denn ihre Verurteilung erfolgte aufgrund der Paragrafen § 175 in Deutschland und § 129 in Österreich, die sowohl vor wie auch nach der Nazidiktatur Geltung hatten.

Damit gab es keinen Anspruch auf Entschädigung. Das war um so perfider, als die schlechte Verpflegung in Verbindung mit der üblichen Schwerstarbeit, die die Häftlinge zu verrichten hatten, zu einer dauerhaften Einschränkung der Erwerbsmöglichkeiten führte. Auch Josef Kohout meldete sich vergeblich bei einer für KZ-Heimkehrer im Wiener Rathaus eingerichteten Stelle, um wie andere ehemalige Häftlinge auch eine Wiedergutmachung zu beantragen. Als "Warmer"? Keine Chance! Ihm wurde angeboten, seinen rosa Winkel gegen einen roten zu tauschen, also als ehemals politischer Häftling aufzutreten, dann könne er eine Wiedergutmachung beantragen. Kohout lehnte ab.

Als Warmer? Keine Chance!

Auch bei seiner Pensionierung musste Kohout feststellen, dass er als Verfolgter des Naziregimes schlechtergestellt wurde. Während die SS-Männer – ausgenommen verurteilte Kriegsverbrecher – mit ihren Dienstjahren in einem Konzentrationslager Pensionsansprüche erwarben, blieben Kohouts sechs Jahre Konzentrationslagerhaft für seine Pension unberücksichtigt. Schließlich gelang es ihm, seine Pensionsansprüche im Wege einer Ausnahmeeinigung durchzusetzen – doch eine offizielle Anrechnung einer KZ-Haft von Schwulen erfolgt in Österreich erst seit dem Jahr 2005.

Unter dem Eindruck, der von Hans Heger beschrieben Erniedrigungen und Folterungen von Schwulen in den Lagern wollten Neal Jackson und Arthur Khoubesserian ursprünglich jedes ihrer Produkte nach einem schwulen Opfer der Nazis benennen, um ihnen so ein Denkmal zu setzen. Doch diese Idee scheiterte daran, dass es eine solche Liste schlicht nicht gegeben hat.

Tatsächlich ist bis heute über das Schicksal der verfolgten Schwulen wenig bekannt, auch weil es kaum autobiografische Berichte über das ihnen angetane Unrecht gibt. Noch dürftiger ist das Wissen um die von den Nazis verfolgten Lesben. Bisher liegt offenbar kein einziges Selbstzeugnis eines erlittenen Martyriums vor, während die Forschung bezüglich ihres Schicksals dadurch erschwert wird, dass sie in den Konzentrationslagern keine eigene Häftlingskategorie bildeten. Sie wurden in dem streng kategorisierten Lagersystem als sogenannte "Asoziale" geführt.

Mit dem Unternehmensnamen Pink Triangle an verfolgte Schwule zu erinnern war zum damaligen Zeitpunkt betriebswirtschaftlich selbstmörderisch. Dagegen ist heute der Life Ball zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden, der der Stadt Wien geschätzte zehn Millionen Euro einträgt. Ein Erfolg, der auch Ängste schürt: Trotz inzwischen mehrheitlich heterosexueller Gäste sehen in ihm einige eine Werbeveranstaltung für Homosexualität! Ausgesprochen wurde das vom Rechts-außen Dimitrij Grieb während des Beleidigungsprozesses, den Gery Keszler (Gründer des Life Ball) gegen ihn anstrengte, nachdem Grieb ihn als "Berufsschwuchtel" beschimpft hatte.

Sexuelle Vielfalt des Menschen

Dass die Aufklärung über Risiken beim Sex und die sexuelle Vielfalt des Menschen als Werbung für Lust und vielfältige Formen der Liebe umgedeutet wird, zeigt in Deutschland die Initiative "Demo für Alle": Sie entstand aus dem Unwillen darüber, dass für Baden-Württembergs Schulen auch die Akzeptanz der sexuellen Vielfalt als ein im Bildungsplan verankertes Ziel formuliert worden ist. Die Initiative interpretiert dies als einen "alles durchdringenden Umerziehungsversuch gut organisierter Lobbygruppen und Ideologen".

Denn für sie ist nur die heterosexuelle Orientierung "natürlich", während queere Identitäten als Folge von Ideologie gelten. In einem historischen Moment der relativen Toleranz formiert sich der Widerstand konservativer und reaktionärer Kräfte gegen die sexuelle Vielfalt des Menschen. Ähnlich wie im Berlin der 1920er-Jahre. Dass die heutigen Bedrohungen in zivilerer Form auftreten, ändert nichts an der Tatsache, dass gesellschaftliche Errungenschaften nicht selbstverständlich, sondern fragil sind. In diesem Sinn: "Recognize the Danger!" (Ingo Techmeier, 10.6.2017)

  • Als Neal Jackson und Arthur Khoubesserian ihr Unternehmen Pink Triangle nannten, erlebte die Schwulenbewegung gerade ihre ersten Erfolge, doch ein offen schwules Unternehmen war neu! Obwohl sich die Firmengründer als  politische Menschen verstanden, blieben  die programmatischen Aspekte beschränkt  auf den provokanten Namen ...
    foto: pink triangle

    Als Neal Jackson und Arthur Khoubesserian ihr Unternehmen Pink Triangle nannten, erlebte die Schwulenbewegung gerade ihre ersten Erfolge, doch ein offen schwules Unternehmen war neu! Obwohl sich die Firmengründer als politische Menschen verstanden, blieben die programmatischen Aspekte beschränkt auf den provokanten Namen ...

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